Aus dem Englischen von Silvia Morawetz
Am Anfang ist es der Blick durch ein Opernglas, und er richtet sich auf die Bühne des Neuen Deutschen Theaters in Prag. Arno ist es, der da hindurchschaut, und er sieht, wovon andere geträumt haben. Auch er träumt, aber es sind keine guten Träume, dafür ist die Wirklichkeit um ihn herum zu brenzlig, zu gefährlich: Wir sind in der Mitte der dreißiger Jahre, und Arno ist Jude, ein Jude in Prag und Patient der Psychoanalyse. Viel hilft sie ihm nicht, und so ist er rasch bereit, seiner Analytikerin zu folgen, als sie ihn mitnimmt in die Villa der Eugenie Schwarzwald am Grundlsee im Salzkammergut. Dort haben sich Künstler und Intellektuelle aus ganz Europa versammelt, um sich noch einmal vor der Geschichte zu verstecken, deren Schlinge sie schon spüren. Egon Friedell ist da und Julian Huxley mit seiner Frau und May Sarton, eine amerikanische Schriftstellerin, in die Arno sich sofort verliebt, unglücklich-glücklich, wie die Geschichte zeigen wird. Und kurz bevor der Vorhang fällt, erfährt der hilflose Arno, was Liebe kann, und das noch weitaus hilflosere Europa, was es sich eingebrockt hat.
Benjamin Anastas hat einen vielstimmigen Roman geschrieben – als käme ein junger Joseph Roth aus Amerika – und lenkt so noch einmal unseren Blick auf eine Zeit, die bis heute nicht vergangen ist.
Schöner Irrtum der Liebe
Der junge Amerikaner Benjamin Anastas erzählt von der Fragwürdigkeit der Existenz mit den Mitteln des großen realistischen Romans.
Manchmal wird man geheilt und wusste gar nicht, dass man krank war; manchmal ist man krank, möchte aber nicht geheilt werden. Der Mensch neigt zum lustvollen Unglücklichsein, das muss so sein, denn wäre er nur glücklich, gäbe es womöglich keine Gedichte, keine Musik, keine verrätselten Bilder. So kommt es wohl darauf an, mit dem Unglücklichsein gekonnt umzugehen: Man haust sich ein in seiner Existenz und träumt von besseren Zeiten und einem besseren Ich. Dafür kann man professionelle Hilfe in Anspruch nehmen, etwa aus der Zunft der Psychotherapeuten, die erstaunliche Dinge auf dem Hoheitsgebiet der Seele entdecken.
In seinem Roman "Am Fuß des Gebirgs" erzählt der amerikanische Autor Benjamin Anastas (Jahrgang 1969) von einer Therapie, die auf weit mehr abzielt als die Wiederherstellung beeinträchtigter Subjektivität; auch das Umfeld rückt Anastas in den Blick, ja eine ganze aufgestörte Welt, die aus den Fugen gerät. Held des Romans ist der junge Arno Singer, der sich als Jude im Prag der dreißiger Jahre in psychoanalytische Behandlung begibt. Arno sammelt Schmetterlinge und arbeitet tagsüber als Ingenieur. Eigentlich ist er nicht sonderlich verhaltensauffällig; ihm setzen nur einige belastende Kindheitsimpressionen zu, die ihn so nervös werden lassen, dass er sich einen Waschzwang zugelegt hat, der ihn mehr Zeit auf den Prager Herrentoiletten zubringen lässt, als ihm lieb ist.
Die Wohnung teilt Arno mit Mutter und Schwester, die seine Nervosität noch zu steigern wissen, indem sie an ihm herumerziehen, wohlmeinend, hilflos und von der vagen Hoffnung geleitet, dass wieder gut wird, was noch nie gut war. Denn die Zeiten sind schwer, nicht nur in Prag: Die Nazis bereiten, unter den teilnahmslosen Blicken der Öffentlichkeit, ihren Kriegskurs vor, der Antisemitismus ist salonfähig geworden, die Bedenkenträger tragen Bedenken vor, die kaum einer hören will. Eigentlich ist es wie immer: Gemessen an der Weltlage, hat der Einzelne wenig Grund zum Klagen, was ihm aber nicht einleuchten will, und so lässt er sich halt behandeln. Arnos Psychoanalytikerin, die »nach der Methode des Dr.Freud« praktiziert, ist eine deutsche Emigrantin mit Namen Ochs; in einem muffigen Zimmer legt sie ihre Patienten auf die Couch und bittet sie, auf ein einmal erteiltes Stichwort hin, um freies Assoziieren.
Arno gibt sich redliche Mühe, in die Kindheit abzusteigen, aber befriedigend ist das nicht, zumal seine Kindheit so schrecklich nicht war, wie es die Symptome, unter denen er leidet, anzuzeigen scheinen. So schläft er denn auch schon mal auf der Couch ein oder erträumt sich kleinere Liebesabenteuer, die umso spannender anmuten, als er noch gar nicht weiß, was die Liebe ist. Eine Himmelsmacht, wie er aus Gründen beeinträchtigter Wohlerzogenheit meinen möchte, oder ein Gefühlschaos, angerichtet von einer geheimnisvollen Triebhaftigkeit, mit der weder Dr. Freud noch Frau Ochs fertig werden?
Arnos fades Leben gerät in Schwung, als ihn seine Therapeutin im Sommer 1936 mit ins Salzkammergut nimmt. Dort, am Grundlsee, liegt die Villa des Ehepaars Dr. Schwarzwald, das alljährlich Gäste aus ganz Europa bei sich versammelt und ihnen ein besonderes Programm bietet. Es ist eine Art Wellness für den Geist, die dort offeriert wird; in einem verwunschenen Sommer findet man sich zusammen, räsoniert, geht wandern und schwimmen, schwelgt von vergangenen Zeiten und eigenen Glanztaten, die in keiner Chronik verzeichnet sind, oder trifft sich zu anspielungsreichen Kostümfesten und Spieleabenden.
Vorwiegend Intellektuelle und Künstler verbringen den Sommer am Grundlsee, darunter auch Prominente wie der Biologe Julian Huxley und der Schauspieler und Schriftsteller Egon Friedell. Sie alle nehmen den Sommer an, als könnte er ihr letzter sein, unter einer milden Sonne, die nicht mitzubekommen scheint, wie sich die Welt unter ihr zu verfinstern beginnt. Arno Singer findet das Treiben in der Villa Schwarzwald so faszinierend, dass er seine Ängste und Marotten zu vergessen scheint. Schließlich kommt noch ein Gast hinzu, der ihn endgültig auf andere, recht eindeutige Gedanken bringt: Eine junge amerikanische Schriftstellerin quartiert sich für einige Wochen in der Villa Schwarzwald ein. May Sarton heißt sie, ist merkwürdig unkompliziert und lebensfroh, sodass sie fast allen Gästen den Kopf verdreht. Auch Arno erliegt ihrem Charme. Durch May lernt er die Liebe kennen; sie ist, seinem Naturell und seiner Vorgeschichte entsprechend, weniger auf Verwirklichung angelegt als auf sehnsüchtiges Verlangen, dem man besser mit den Mitteln des Tagtraums und des ergebenen Nachsinnens begegnet.
Als der Sommer des Jahres 1936 zu Ende geht, ist Arno endgültig erwachsen geworden. Mit May, die ihm vor ihrer Abreise nach Amerika noch anvertraut hat, dass sie, wenn überhaupt, wohl eher Frauen als Männer liebt, schreibt er sich Briefe. Er hofft, sie wiederzusehen, wenn er in die USA emigriert. Ja, auch entschlossen ist der verträumte Arno Singer geworden: Er weiß, dass die offizielle Politik auf eine Katastrophe zusteuert und dass er sich absetzen muss.
Falls er überhaupt je behandlungswürdig war, ist Arno nicht auf der Psychiatercouch geheilt worden, sondern durch den Zuspruch der Liebe, der dann am wirkungsvollsten ist, wenn er sich nicht (mehr) am leibhaftigen Objekt beweisen muss: »Er verstand jetzt. Die Liebe war kein Zustand der Reinheit und Erhabenheit, Geschenk des Göttlichen an die Sterblichen, die sich auf Erden mühten. Sie war eine Form von Schwäche, ein fundamentaler Irrtum in unserer Ausstattung, sie war eine universelle Krankheit, die uns in den ersten Momenten des Lebens befiel, wenn wir fassungslos und unter Schmerzen in die Welt eintraten und nach jemandem riefen – irgendwem –, der uns in die Arme nahm und streichelte, uns tröstete, der uns zurückversetzte in den glückseligen Zustand, aus dem wir gerade vertrieben worden waren, wo alles Wärme und Zärtlichkeit gewesen war und nichts einen Namen hatte.«
"Am Fuß des Gebirgs" ist ein wunderbar vielstimmiges und reichhaltiges Buch, das von den Fragwürdigkeiten der menschlichen Existenz mit den Mitteln des großen realistischen Romans erzählt. Dabei gelingt ihm das Kunststück, von der Heimstatt des Einzelnen, seiner mal verqueren, mal brav geregelten Psyche, in die Welt aufzubrechen und sie so auszuleuchten, als ließe sie sich, auch im historischen Licht, noch einmal wie neu erfahren.
Der Amerikaner Benjamin Anastas, von dem zuvor die Titel "Tagebuch eines Versagers" (1999) und "Die wahre Geschichte vom Verschwinden eines Pastors" (2003) erschienen sind, ist ein erstaunlicher junger Autor, der das Alte Europa besser zu kennen scheint als manche seiner hiesigen Kollegen, die sich den Zeitgeist als Affen halten, um ihm Zucker zu geben.
Otto A. Böhmer, Die Zeit
Benjamin Anastas' Buch ist ein Roman der großen Gefühle, denen alles Gute und alles Schlimme zuzutrauen ist, Benjamin Anastas verträgt die Nähe seiner Kollegen Jeffrey Eugenides und Jonathan Franzen.
Anton Thuswaldner, Frankfurter Allgemeine Zeitung
Nicht selten kommen die besten Zeit- und Sittengemälde über die letzten Hoffnungen und die ersten düsteren Schimmer im Europa der Zwischenkriegsjahren aus Übersee. Den jüngsten, eindrucksvollen Beweis liefert der amerikanische Autor Benjamin Anastas (jahrgang 1969), der in seinem Künstlerroman "Am Fuß des Gebirgs" nochmals die Geistesgrößen von einst zu einem fiktiven Treffen lädt - zuerst in Prag, dann im Salzkammergut, wo Intellektuelle rund um Egon Freidell glauben, Schutz vor dem aufkommenden Nazi-Terror zu finden. Ein fataler, letaler Irrtum, rekapituliert in einer fiktiven, aber faktenreichen Geschichte, bravourös und einfühlsam erzählt von einem Autor, der seine Lektionen bei Sandor Marai und Joseph Roth erstklassig gelernt hat.
Werner Krause, Kleine Zeitung
Es ist fast unglaublich, daß es einem 1969 geborenen Amerikaner möglich sein sollte, einen in zwei unterschiedlichen Milieus spielenden großen, ja repräsentativen Roman der zwanziger und dreißiger Jahre zu schreiben und doch ist es so.
Walter Grünzweig, Die Furche
Ein wirklich beachtlicher Roman und eine Sprache die einfach "umhaut"! Private Geschichte und Weltpolitik treffen aufeinander.
Christina Weiner, Südwestrundfunk
Man liest sich in den Stil bald ein, und legt dann das Buch nicht mehr aus der Hand.
Heidemarie Klabacher, drehpunktkultur