Bücher

Ursula Krechel
Jäh erhellte Dunkelheit

Gedichte
104 Seiten, gebunden
€ 20,- / Sfr 30,90, WG 1151
[978-3-902497-67-3], lieferbar
Ursula Krechels neuer Gedichtband ist ein Garten, in dem bittere Kräuter neben bunten Blüten überraschen.

»Mitschrift des Sommers« heißt der schöne geduldige Zyklus, der diesen Band abschließt und der entstanden ist während eines längeren Aufenthalts der Autorin in einem Frauenstift. Ihn durchziehen die Wärme und das Blühen der Jahreszeit, die gesteigert sind durch die Stille, wie die Klosterregel sie will. Sie führt zu einem gelassenen Für- und Bei-sich-Sein, das zugleich aufmerksam macht für die Geschichte des Ortes, die auch die Geschichte jener Frauen ist, die dort zuhause waren, bis sie im Klosterfriedhof ihre endgültige Ruhe fanden.
Ursula Krechel, die zuletzt mit dem großen historischen Roman »Shanghai fern von wo« ihr episches Können vorgeführt hat, kehrt in diesem Buch einstweilen zurück zum Gedicht. Zwischen winterlichen Bildern der Erstarrung und Tagen, »als hätte jemand / du vielleicht oder ein  schüchterner Glückspilz / mit einem großäugigen Würfel die richtige Zahl getroffen«, entfaltet Ursula Krechel mit kluger und hellwacher Aufmerksamkeit – und bisweilen nicht ohne hintersinnigen Humor – ihr Wissen darüber, wie das, was einst »Erdenwandel« genannt wurde, dahingeht.

Der Dichterin Ursula Krechel wird für ihr lyrisches Gesamtwerk der erstmals vergebene, mit 10 000 Euro dotierte Orphil Preis verliehen; diese Auszeichnung erhält sie insbesondere für die beiden zuletzt erschienenen Gedichtbände „Stimmen aus dem harten Kern“ (2005) und „Jäh erhellte Dunkelheit“ (2010).
In „Stimmen aus dem harten Kern“ unternimmt Krechel das Wagnis, eine Geschichte der Gewalt durch die Epochen zu schreiben, quasi als einen weiblichen Gegenentwurf zur Ilias. Krechel arbeitet sich durch die Mythen; ihr gelingen gerade durch die Verweigerung alles Modischen Gedichte, die auf bestürzend zeitgemäße Art aufrüttelnd wirken.
Der Band „Jäh erhellte Dunkelheit“ beschwört die Epiphanie, erfüllte Augenblicke, die sich im Gedicht ereignen. Krechel beherrscht den Gestus metaphysischen Fragens ebenso wie das Genrebild der Familienszene, welche Lebensgeschichte auf heitere Art und Weise erfahrbar macht. Die Autorin beharrt eigenwillig auf dem Poetischen; selbst die Paradoxie des Verstummens ist ihr ein Thema, das Schweigen und die Stille. Im Gedicht „Frage“ heißt es, in einer schönen ironischen Wendung,  zum Schluss: „Zu Ende mit dem Latein war erst der Anfang.“
Diesen Gedichten zu begegnen, ist ein Erlebnis; man erinnert sich nachdrücklich an die Stimme einer Dichterin, der es mit ihren Versen gelingt, die Materialität der Sprache, ihre Laute, ihre Schrift, so freizulegen, dass sich ein feines Leuchten über die Dinge legt.