Herausgegeben und mit einem Nachwort von Alois Brandstetter, mit einem Beitrag von Ulrich Schulenburg
1961 begründete Herbert Wochinz die Komödienspiele auf Schloß Porcia in Spittal an der Drau und versicherte sich schon fürs erste Jahr – und dann mehr als weitere dreißig Jahre lang – der Mitarbeit H.C. Artmanns. Und das als Autor, vor allem aber als Übersetzer. Goldoni und Molière, Holberg und Marivaux, Feydeau und Labiche zählten zu den komödiantischen Dramatikern, die die Zusammenarbeit von Artmann und Wochinz so erfolgreich machten. Dabei waren die Existenzbedingungen für Artmann vor allem in den ersten Jahren nicht immer einfach. Viel Geld war mit dem Dichten auch damals nicht zu gewinnen, und so waren die Aufträge, die Artmann für Porcia bekam, umso willkommener und die Honorare oft genug bitter nötig.
Davon legen die hier versammelten Briefe und Karten Artmanns an Herbert Wochinz beredtes Zeugnis ab. Aber nicht nur davon: zugleich zeigen sie, bei allem Bitten, Betteln und gelegentlichen Poltern, daß ein heiterer (Über-)Lebenswille immer die Oberhand behielt. Und daß das Übersetzen, aber auch das Briefeschreiben, ja in Wahrheit das Leben selbst immer ein »poetischer Act« war.
Infortunater H. C.
«Deftige, feste, harte barocksachen» wünscht sich der übersetzende Dichter ins kalte Malmö, und, ach ja: «ich brauch einen wintermantel.» H. C. Artmann, Österreichs grosser Poet, ist in diesen sechziger Jahren mit Einfällen reich gesegnet, immer aber knapp bei Kasse. Theaterstück um Theaterstück überträgt er für den Kärntner Festspielintendanten Herbert Wochinz ins luftige Artmann-Deutsch (von Molière über Goldoni bis Scribe), und er tut es, um leben zu können. «das leben kostet was», schreibt Artmann an Wochinz. Der Satz bleibt das Siegel einer Korrespondenz, die jetzt in ihrer resoluten Unmittelbarkeit nachzulesen ist. «Ich brauch einen Wintermantel etz.» heisst der schmale Band. Wenn Artmann schnorrt, dann ist das tiefste Pleite auf höchstem Niveau. Der «pauvre duc exilé» verzweifelt an schwedischen Brotpreisen oder an Berliner Mietkosten. Die wieder einmal «denkbar bekackte lage» treibt den «infortunaten HC» an klapprige Schreibmaschinen, wo die Not in schönste Poesie umschlägt. Wovon er schreibt, das weiss man längst, wovon er in seinen ärmsten Zeiten lebt, das kann man jetzt erfahren. Die Korrespondenz zwischen H. C. Artmann und Herbert Wochinz dauert von 1962 bis 1966. Aus Malmö, Stockholm, Lund, Berlin oder Wien schreibt ein unsteter Dichter, der seine Quartiere aus Gründen der Liebe oder der Not bezieht. Vor den Häschern der Finanz oder wegen «alimentationsvergehen» gegen sitzengelassene junge Mütter ist H. C. Artmann stets auf der Flucht. Auch ein Grund dafür, dass die Antworten von Herbert Wochinz verschollen sind. «bin ins weite», schreibt der Dichter, «weiss ich, wo ich hinkomme?»
Paul Jandl, Neue Zürcher Zeitung
Natürlich sind die Briefe nicht nur Dokumente aus dem 20. Jahrhundert, die doe soziale Lage der Dichter belegen, sie sind auch kleine rhetorische Kunststücke, brillante Anleitungen zur Wohltat, formuliert von einem unruhigen Geist.
Anton Thuswaldner, Salzburger Nachrichten
Ein berührendes und erhellendes Bändchen.
Heidemarie Klabacher, drehpunktkultur
Artmanns Postsendungen sind kleine Meisterwerke.
Jürgen Lentes, Journal Frankfurt
So schreibt ein Poet an seinen Geldgeber: "Ich bin eine perle unter säuen, ein ross unter eseln, ein aar unter aaskuckucken, ein herr unter scheisshäusern von idioten", ergo erbittet der österreichische Dichter dringend per Auslandspostanweisung ein wenig Bares ins Exil nach Malmö, wohin der mehrfache Vater sich vor den Alimentenforderungen der Kindsmutter ("dieses stinkende aas von hässlichem frauenzimmer") flüchtete. Vieles über die Kunst des höheren Schnorrens und Schnurrens lässt sich lernen bei der Lektüre der Briefe und Karten, die der Vereinsamte und Verarmte aus der schwedischen Diaspora an den Theaterdirektor Herbert Wochinz in Spittal an der Drau schrieb.
Iris Radisch, Die Zeit
H. C. Artmann
Fleiß und Industrie
H. C. Artmann
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