Herausgegeben von Klaus Reichert
Nur wenige Dichter deutscher Zunge haben ihr Publikum so oft überrascht und inspiriert wie H.C. Artmann. Er war ein Ariel im Reich der Sprache, und es war das Leichte und Luftige, das Unangestrengte und Helle, was seine Kunst auszeichnete, auch da, wo sie dunkel grundiert war. Seine Entdeckung der reichen Möglichkeiten des Wiener Dialekts machte ebenso Schule, wie sein sprachspielerisches Genie unnachahmlich blieb. Nirgendwo läßt sich das besser nachvollziehen als in Artmanns Gedichten, die in ihrer formalen Vielfalt und ihrem Reichtum an Tönen auch für den vermeintlichen Kenner noch zahlreiche Überraschungen bereit halten: vieles von diesem 1000-Seiten-Schatz ist ungehoben.
Die Ausgabe entspricht jener Sammlung, die Klaus Reichert noch gemeinsam mit H. C. Artmann und nach dessen Vorstellungen konzipiert hat, selbstverständlich unter Ergänzung durch den später entstandenen Band "Von der Wollust des Dichtens" und verstreuten Einzelfunden.
Sieben Mal läuten
Eine neue Lyrik-Edition erinnert an den großen Wiener Dichter H. C. Artmann
Es gibt unzählige Geschichten über H.C. Artmann, und es gibt ein geheimes Zentrum, um das sich all diese Geschichten drehen: Der Mann war ständig unterwegs. In ganz Europa hat sich Artmann herumgetrieben – zu einer Zeit, als dies noch nicht als eine höhere Form des Tourismus galt, sondern als Vagabondage. Wenn er seinen Pass verloren hatte, stieg er schon einmal zu Fuß über ein Grenzgebirge. Wenn er Geld besaß (und entgegen den vielen Mythen, die sich um ihn ranken, besaß er nicht selten welches), legte er auf erste Klasse Wert. Als Dracula trat er bei Lesungen in allen wichtigen deutschsprachigen Städten auf. Einmal fuhr er mit dem Taxi von Klagenfurt die ganze Wegstrecke nach Paris.
An der Wohnungstür in Berlin war ein Schild angebracht: "Hans Carl Laertes Artmann – 7mal läuten". In späteren Jahren hat er sich in ebenjenem Wien niedergelassen, von dem aus er Ende der fünfziger Jahre ins nördliche Europa aufgebrochen war. Die Automobile von Freunden und Bekannten brachten ihn am Wochenende aufs Land: Fahrten ins Blaue, die kein Ziel, aber eine gemeinsame Richtung hatten, entlang abseitiger Spuren. Wer mit H.C. Artmann reist, reist auf ungewöhnlichen Routen: mit Linné durch Lappland, mit dem Wurstel durch Wien, mit Menschenfressern durch nächtliche Städte, mit Nosferatu durch schattige Gassen oder mit Fantomas in schnellen Autos. Aus welchen Gegenden die Kameraden auch kommen mochten, der Dichter wusste über ihre Herkunft Bescheid: "ich bin die liebe mumie / und aus ägypten kumm i e."
Trotz seiner scheinbar so starken Verwurzelung in Wien ließ sich H. C. Artmann lieber als einen deutschen Dichter denn als einen österreichischen Schriftsteller bezeichnen. Gruppen mied er, auch wenn es sich dabei um so honorige Vereinigungen wie die Gruppe 47 handelte. Die Einladung zur Mitwirkung schlug er mit dem Hinweis aus, dass er im Alter von zehn Jahren bei den Pfadfindern gewesen und seither keinem Verein mehr beigetreten sei. Auch von der Wiener Gruppe, als deren Vater er gilt, behauptete er, dass es sie eigentlich niemals gegeben hat. Als H. C. Artmann vor drei Jahren starb, wurde schlagartig klar, dass dieser große Einzelgänger ohne eigentlichen Nachlass geblieben war. Nur ein bescheidener Stapel mit einigen vergessenen Manuskripten hat sich in den Wohnungen in Wien und Salzburg gefunden. Alles andere war verstreut oder verschmissen worden.
Für entsprechende Textsammlungen bedurfte es eines sorgsamen Herausgebers. In Klaus Reichert hat das Werk von H. C. Artmann einen solchen gefunden. Nach der mehrbändigen Prosasammlung Grammatik der Rosen (1979) liegt unter seiner Herausgeberschaft jetzt ein umfangreicher Lyrikband vor, der alles versammelt, was greifbar war, und der ein echtes poetisches Testament bildet. Artmann selbst hat an der Gliederung des Bandes noch mitgewirkt, die Zusammenstellung folgt den einzelnen Gedichtzyklen und Buchveröffentlichungen, an einigen Stellen ist es zu Umstellungen gekommen. Eine dieser nachträglichen Korrekturen ist mir aufgefallen, weil sie mein Lieblingsgedicht aus dem Band Aus meiner Botanisiertrommel (1975) betrifft. Von Artmann wurde der Text, der wie alle Gedichte dieses Buches nach dem Muster der deutschen Volksliedstrophe geformt ist, aus dem ursprünglichen Zusammenhang genommen und von Reichert in die letzte Abteilung mit Verstreuten Gedichten gestellt: "ganz versteckt in wildem wein / haust des wieners mütterlein, / schneeweiß weht ihr blondes haar, / weil sie nie beim zahnarzt war. // witwe sein voll müh und plag, / ist kein schöner namenstag, / doch ein gärtlein in stadlau / reicht zum trost der alten frau […]."
Wer hätte sich Mitte der siebziger Jahre dieser belasteten Form annehmen und sie in einer solchen Leichtigkeit einsetzen können, wenn nicht H.C. Artmann? Und wer hätte zwanzig Jahre vorher im Wiener – oder exakter gesagt: Breitenseer – Dialekt schreiben können, ohne nicht sofort als reaktionär gebrandmarkt zu sein? Der neue Sammelband, der mit seinem roten Einband und seinem kompakten Satzspiegel wie eine Bibel wirkt, macht es in der ganzen Fülle der Gedichte klar: Artmann war ein unendlich formbewusster Dichter, dessen Spektrum vom "teutschen" Alexandriner über Epigramme und persische Quatrainen bis zu den reihenden Verfahren der konkreten Poesie reicht.
Anders als es in dem avantgardistischem Umfeld üblich war, dem Artmann kurze Zeit angehörte, werden die lyrischen Formen hier nicht zerstört, sondern mit neuen und teilweise recht ungewöhnlichen Inhalten gefüllt. Der Witz kommt neben die Melancholie, das Triviale neben das Gelehrte und das antiquiert Gekünstelte neben den letzten Modeschrei zu stehen, sofern dieser nur schräg genug ist, um vom Autor wahrgenommen zu werden.
Die Mode ist eines der Stichworte zu einem heutigen Verständnis der Artmannschen Gedichte: Auf seltsame Weise vermochte und vermag in diesen Texten alles, was sich der Mode entzieht, doch noch zu einer speziellen Mode zu werden. Als einer der letzten europäischen Dichter zog Artmann sich europäische Kleider an, ohne dass sie ihm um die Knie schlotterten. In den Gedichten bleibt der Fundus lebendig, gerade auch deshalb, weil er vom Autor immer nur punktuell eingesetzt wird. Ein Gewand, das Artmann nach Belieben an- und eben auch wieder ausziehen konnte, stellen auch die Dialektgedichte dar. Dem auswärtigen Publikum erschließt sich med ana schwoazzn tintn im vorliegenden Band sprachlich durch ein Glossar und inhaltlich dadurch, dass diese Gedichte auf nichts anderes als das Klischeebild der goldenen Wiener-Stadt bezogen sind. In den beschriebenen Gestalten (allen voran jenem unvergesslichen Ringelspielbesitzer, der in Wahrheit ein Blaubart, das heißt Frauenmörder ist) kommt ein Sadismus der Heimat zum Vorschein, von dem ich wetten möchte, dass er eben nicht nur auf diese eine Heimat beschränkt ist. Auch in seinen hochdeutschen Gedichten, die den bei weitem größeren Teil ausmachen, gibt sich Artmann als ein Nostalgiker ohne jegliche Nostalgie. Die althergebrachten Formen und die verwendeten Redestile werden nicht als ein äußerer Zwang erlebt, sondern als Mittel zur Durchsetzung poetischer Freiheit genutzt.
Das Beste an H. C. Artmann ist, dass der geneigte Leser weder die speziellen Inhalte noch die verwendeten Formen kennen muss, um an ihnen Freude zu haben. Sein Wissen um die Baupläne der Poesie ebenso wie jenes um fremde Sprachen und Kulturen lässt Artmann nicht im Triumphzug durch die Gedichte ziehen. Es ist darin verborgen, und manchmal gewinnt man den Eindruck, als sei es in einer fast schon geheimnistuerischen Weise in sie eingenäht. Für die Schuhfirma Humanic, die zur Überraschung des Fernsehpublikums in ihren Werbespots der späten siebziger Jahre echte Dichter zu Wort kommen ließ, verfasste H. C. einen Spruch, der sich den Österreichern meiner Generation eingeprägt hat und von dem man bis heute lernen kann, was denn nun genau ein Haiku ist: "bei de japana / drogns papiarene schtiefö / des hast daun: gedicht."
H. C. Artmann fasst die Sprache manchmal mit Glacéhandschuhen an, dann wieder hält er sie in festem Griff. Er lässt die Wörter miteinander und das Ganze mit den eigenen Sprachmasken reagieren. Am Ende ist eines sicher, es heißt wunderbarerweise immer wieder: Gedicht.
7-mal musste man läuten, um in Artmanns Wohnung zu gelangen. Nachdem man mehr als 700-mal umgeblättert hat, ermisst man die Spannweite seines einzigartigen lyrischen Werks: "Jetzo / fällt mir / ein stein / vom herzen / pardautz! / da liegt er."
Von Klaus Kastberger, Die Zeit
800 Seiten mit lyrischer Essenz: ein Schatz, den der Leser endlich wieder in Händen halten kann.
Jetzt haben wir alle Gedichte H. C. Artmanns in einem Band im Brevier-Format und auf Dünndruckpapier beisammen und können ein Vademecum daraus machen, wie sich’s geziemt: in die Jackentasche!
Jörg Drews, Tages-Anzeiger
Handlich und unentbehrlich für jeden Lyrikfreund.
Alexander von Bormann, Frankfurter Rundschau
„Einen Kranz aus Butterblumen“ möchte man dem H. C. Artmann um sein Haupt winden, so wie in einem Gedicht aus seiner „Botanisiertrommel“ – denn er war ein Dichter, wie so bald keiner mehr kommen wird.
Christoph Bartmann, Süddeutsche Zeitung
Erst jetzt zeigt sich mit aller Frappanz, wie weit das poetische Universum war, das Artmann mit seinem Werk öffnete, wie unergründlich der Fundus der redenden Masken ist, deren er sich spielend leicht bediente. Traumwandlerisch sicher durchmaß dieser große Stimmenimitator viele Epochen der deutschen, ja europäischen Literatur: die nordischen Heldensagen, die Aventiuren der Artus-Epik, das Frauenlob des Mittelalters, die todestrunkenen Alexandriner des Barock, die Grimm’schen Märchen, die schwarze Romantik eines Bram Stoker und die morbiden Miniaturen des Jugendstils. Und nicht zu vergessen: „Trivialliteratur“ wie Tom-Shark- und Mickey-Mouse-Heftchen, Science-Fiction-Romane und Kinderromane mit Gruseleffekt.
Hans Christian Kosler, Neue Zürcher Zeitung