Von einem Tag auf den anderen kündigt er bei der Partnerschaftsvermittlungsagentur. Es bleibt nicht viel, was die zähe Gleichförmigkeit der Tage durchbricht. Da entschließt er sich zu einem Inselurlaub, mit seiner Freundin. In seltenen Stunden, es waren die schönsten, wurde alles leicht zwischen den beiden: die Gesten, die Berührungen, die Worte. Der helle Raum spiegelte sich hinaus in die Nacht, öffnete sich. In diesen Momenten war Einklang. Seine Liebe allein darauf zu gründen, sie frei halten zu wollen von Wiederholung und Ritual, Macht und Unterwerfung, ist kühn, hochmütig und von einer Radikalität, die sich im Handumdrehen gegen den Ich-Erzähler selbst wendet. Dem Drang nach Auslöschung, Selbstauslöschung gibt er zunehmend nach, Gewaltphantasien brechen sich Bahn, immer unkontrollierter, den Haß fühlt er an seiner Seite "wie einen großen muskulösen Freund". Besessen von sich, seinen Versuchen, die Wirklichkeit in Erinnerung zu übersetzen, weil er sie nur vermittelt erträgt, verweigert er sich jeder Form der Erlösung, der des Augenblicks so wie der anderen, die es nicht gibt. Mit kaltem Blick, schonungslos, selbstentblößend wird hier die "perfide Allianz von Sexualität und Tod" noch einmal und noch einmal gültig seziert.
"Deine Gewaltphantasien sind nur Ablenkungsmanöver, deine Sehnsucht nach Veränderung, und sei es durch Krieg, ist nichts anderes als deine Sehnsucht, dein eigenes Herz klopfen zu hören. Du willst dann nicht nur der Auslöser sein, sondern auch der Spielball und der Sieger. Nein, erwiderte ich, das stimmt alles, aber der Sieger wollte ich nie sein."
Xaver Bayer
Geboren 1977 in Wien, wo er auch lebt. Studium der Philosophie und Germanistik.
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Rabenschwarz
Von Albert Camus stammt das Bekenntnis, seit jeher habe er mit allen seinen Kräften versucht, niemand zu sein. Diese Lust an der Selbst-Annihilierung findet man in vielen Spielarten des Existenzialismus, woran auch österreichische Schriftsteller kräftig mitgewirkt haben. Nun hat der gerade mal 26-jährige Wiener Autor Xaver Bayer mit seinem zweiten Buch einen rabenschwarzen, negativen Entwicklungsroman vorgelegt – eine Reise in die Abgründe des Ich, in die grosse Kommunikations- und Welt-Verweigerung und schliesslich in die Selbstvernichtung.
Man darf es als genuin österreichischen Existenzialismus interpretieren, wenn hier ein Romanheld aus seinem Lebensekel die Konsequenzen zieht und entschlossen daran arbeitet, das eigene Verschwinden zu organisieren. Die Todesverfallenheit hat dieser Protagonist von Thomas Bernhard geerbt, die Entfremdungsgefühle und die Traumata des Sprachverlusts vom jungen Peter Handke. Xaver Bayers Held und Ich-Erzähler inszeniert wie weiland Handke einen langen Abschied, allerdings ohne einen kurzen Brief zu hinterlassen. Soeben hat er noch in einer Partnervermittlungsagentur erfolgreich die Liebeswünsche beziehungsunfähiger Singles befriedigt und mit Handy, schnittigem Mittelklassewagen, Freundin und moderatem Porno-Konsum sein Leben routiniert verwaltet. Aber plötzlich kommt ihm all diese luxuriöse Lebens-Selbstverständlichkeit abhanden – und er bricht alle Brücken zu seinem bisherigen Dasein ab.
Er kündigt bei seiner Arbeitsstelle, animiert seine Freundin zu einem Inselurlaub, nur um sie angewidert im Stich zu lassen und zum letzten grossen Abenteuer seines Lebens aufzubrechen: in die Einsamkeit. Am Ende fährt er mit dem Auto aus Wien hinaus, biegt irgendwo auf einen Feldweg ins Niemandsland ein. Ein rätselhaftes Holzschild mit der Aufschrift «Alaskastrasse» animiert den Sinnsucher zur Irrfahrt durch Felder und Wälder, bis er mit einem grossen Tier kollidiert und das Fahrzeug an einen Baum prallt. In den letzten Szenen des Romans gelangt der solipsistisch eingekapselte Held in eine verfallene Hütte, wo er in einer Art Regressionsrausch die gewaltsame Verschmelzung mit der Natur herbeizwingt und ins Animalische und Organische zurückkehrt, von Sprache und Bewusstsein befreit.
In seinem wütenden Nihilismus, in seiner Radikalisierung des Ekels entwickelt Xaver Bayers Held weit mehr Weltbewusstsein als seine schnöseligen Generationsgenossen aus dem literarischen Pop-Sektor. Für diesen weltverneinenden Nachfahren des jungen Handke stellen sich keine Sekunden «wahrer Empfindung» mehr ein, sondern nur noch ein universell gewordener Ekel, ein absoluter Degout vor Dingen und Menschen, ein alles überstrahlender Hass, der zum «grossen muskulösen Freund» des Erzählers wird. Und doch gelingen diesem Erzähler Sätze von einer Intensität, wie sie in der jungen Literatur dieser Tage kaum anzutreffen sind. Gewiss ist es eine negativierende Energie, die in diesen Sätzen Gestalt annimmt. Mit der Zwanghaftigkeit seiner Wahrnehmungen und seiner fortschreitenden Panik, die Sprache zu verlieren, steigert sich auch die Aggressivität des Erzählers.
Die Sexualität z.B. offenbart – wie auch im literarischen Referenzmodell, Handkes «kurzen Brief zum langen Abschied» – ihre hässlichste, gewalttätigste Seite: Sein erigiertes Glied empfindet der Mann als «eine auf sie zeigende Waffe»; später versucht er sein Genital mit Hakenkreuzen zu ornamentieren. Die Natur-Raserei am Ende repräsentiert schliesslich die verzweifelte Suche des Helden nach Erlösung: «Mit der Zeit, dachte ich, werde ich mich in die Landschaft einkrümmen, mich mit der Landschaft verschränken, mich engerlingshaft mit ihr einigen, und dann werde ich nicht mehr nur von Blick zu Blick existieren, sondern vor Leben dampfen wie ein Böser.» In seiner halluzinatorischen Wahrnehmung glaubt er am Ende tatsächlich, das «dampfende Leben» erreicht zu haben. Eingetaucht ist er aber nur in die irrlichternde Welt des Wahns.
Michael Braun, Basler Zeitung
Lesen, lesen, lesen.
wortgestöber.de
Bayer hat nicht nur einen Anti-Pop-Roman geschrieben, er ist auch das erhebliche Risiko eingegangen, Haltungen, Konflikte und Konzepte anzuvisieren, die in den letzten zwei Jahrzehnten durch Post-, Pop- und anderen Modernisierungen ausgetrieben wurden. So viel unumwundener Widerwille, ja Ekel war lange nicht.
Eberhard Falcke, Die Zeit
Er ist der Härteste der jungen österreichischen Autoren, Xaver Bayer, der nach seinem Debüt "Heute könnte ein glücklicher Tag sein" hier erneut beweist, daß er ein Fall für die Zukunft ist.
Anton Thuswaldner, Die Presse
Die gläserne Isolation des Erzählers ist, psychologisch gesehen, gewiß hochneurotisch; erzählerisch liefert sie eine überwache Genauigkeit und Transparenz. Aus seinem Wirklichkeitsfilm zoomt die Optik des Außenseiters immer wieder Momente von großer Klarheit und Eindringlichkeit heraus, und die Bewegung von Rolltreppen oder Mückenschwärmen sieht man wie zum ersten Mal. Darin liegt eine große Begabung des Autors. Deswegen bleibt sein junger Aussteiger auch nicht in der weltschmerzlichen Pose stecken: Die immer schon zitathaft abgebrauchte Welt sieht er in aller Schärfe als Medieninszenierung, gewinnt ihr aber gerade dadurch unverwechselbar eigene Bilder ab.
Konstanze Fliedl, Österreichischer Rundfunk
Vor zwei Jahren hat er mit seinem Roman "Heute könnte ein glücklicher Tag sein" debütiert und einen ähnlich zeitgeistigen Nerv getroffen: Bayers Jungwiener haben Drogen und Sex und sonst alles, was sie begehren, aber auch jede Menge Langeweile. Auch Bayers jetziger Erzähler, ein freudloser Angestellter, hätte alles, was ein Mann begehren kann: einen krisensicheren Job als Webmaster, eine Freundin und daneben das nötige Kleingeld. Er ist aber trotzdem unzufrieden mit seinem Leben und kündigt in der Firma. Will aussteigen aus dem Büroalltag, aber auch aus seiner diffusen Gefühlswelt, einem Universum der Erlebnisunfähigkeit.
Cornelia Krauß, Stuttgarter Zeitung
Wer sich von Xaver Bayers Roman mit dem Abenteuer verheißenden Titel "Die Alaskastraße" Action und Spannung erwartet, liegt ganz daneben. Die hier geschilderte Reise führt ins Innere, in die totale Isolation.
Erst allmählich wird klar, daß die immer größer werdende Distanz zum eigenen Ich, der zunehmend fremde Blick auf das eigene Tun, die Unmöglichkeit, einen Partner nicht als Störung, sondern als Bereicherung zu empfinden, das eigentliche Thema des Buches ist.
Wolfgang Huber-Lang, apa
Xaver Bayer
Die durchsichtigen Hände
Erzählungen
Xaver Bayer
Heute könnte ein glücklicher Tag sein
Roman