Aus dem argentinischen Spanisch und mit einem Nachwort von Juana und Tobias Burghardt
Juarroz gehört längst zu den bedeutendsten Poeten Lateinamerikas, seine Gedichte wurden in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt. Mit diesem Buch liegt nun eine Auswahl aus dem lyrischen Großprojekt »Vertikale Poesie« vor, das von 1958 bis 1994 entstand und vierzehn Bände umfaßt.
Aus diesen Gedichten sprechen Erfahrungen, wie einer sie macht, der das Senkblei auf den Grund der Sprache und des Seins gleichermaßen richtet, die vertikale Linie nie aus den Augen verliert. In paradoxen Wendungen, immer neuen Variationen und überraschenden Metaphern umkreist Roberto Juarroz die zentralen Themen unserer Existenz und vertraut dabei auf die erkenntnisstiftende, schöpferische Kraft der Poesie.
Eine Schrift, die dem Unendlichen standhält, / den Rissen, die sich wie Blütenstaub verteilen, / der gnadenlosen Lesart der Götter, / der letternlosen Lesart der Wüste – eine solche Schrift kann nur am äußersten Grat unserer Wirklichkeit entstehen, dort, wo die scharfe Grenze zwischen Wort und Stille, Liebe und Einsamkeit, Leben und Tod verschwimmt, sich nach und nach auflöst, das eine ins andere gleitet.
Roberto Juarroz
Geboren 1925 in Coronel Dorrego, Provinz Buenos Aires, gestorben 1995 in Buenos Aires. Lyriker und Essayist.
mehr zu Roberto Juarroz
Die andere Seite
Gedichte des Argentiniers Roberto Juarroz
Wie soll man das Unvollkommene lieben, wenn man durch die Dinge doch den Ruf des Vollkommenen hört? Oder andersherum: Wenn die Dinge unvollkommen sind – wie soll man da jener Spur folgen, die das Vollkommene hinterlässt? Roberto Juarroz dreht die Gedanken nur ein kleines Stückchen. Und schon verwandelt sich die Reibung der Gegensätze in eine fliessende Bewegung: «Vielleicht sollten wir lernen, dass das Unvollkommene / eine andere Form der Vollkommenheit ist: / die Form, die das Vollkommene annimmt, / um geliebt werden zu können.»
Der Argentinier Juarroz – einer der wirklich grossen Dichter – versucht in seinem Schreiben, die Fülle der Möglichkeiten im Hier und Jetzt zu erschliessen. Er bricht den vertrauten Gebrauch der Worte auf und richtet die Hierarchien neu aus. Dabei müssen es gar nicht immer die allzu schweren Begriffe sein. Manchmal genügen schon die «kleinen, vergessenen Ewigkeiten»: ein Flussstück ohne Strömung oder eine taube Stelle auf der Haut. Vielleicht hat er die Liebe zu den Dingen und Namen im Umgang mit jenen Ordnungssystemen gelernt, die sein Leben als Professor für Bibliothekswissenschaft bestimmten. Roberto Juarroz, 1925 im Südwesten der Provinz Buenos Aires geboren, studierte so unterschiedliche Fächer wie Jura, Literaturwissenschaft, Medizin und Informatik. Während er an seinen ersten Gedichtbänden arbeitete, gab er eine der wichtigen argentinischen Literaturzeitschriften heraus. Als er 1995 starb, war seine «Poesía vertical» auf nicht weniger als fünfzehn Bände angewachsen.
Vertikal ist diese Dichtung, weil sie Raum und Zeit, Sein und Nichtsein neu vermisst. Juarroz nennt es einmal die «Wiedergewinnung der Einheit oder Ganzheit des Menschen durch die Poesie». Seine Gedichte umkreisen jenes Aussprechen des Anderen, Abwesenden, das schon Arthur Rimbaud in seiner «Alchimie du verbe» beschworen hat. Mit Fragen, Aufzählungen und kleinen Widersprüchen nähern sie sich der dunklen Stelle an, «wo die andere Seite beginnt». Doch sie verlieren sich weder an das Wort noch an die Stille, sondern finden immer wieder «die kleinstmögliche Dichte, / die weisen Partikel, an denen die Leere und das Leben / in Berührung kommen».
Die beiden Übersetzer Juana und Tobias Burghardt haben einige kluge Linien durch die weit über tausend Gedichte gezogen. Die Auswahl zeigt sehr schön, wie sich Juarroz' Schreiben verändert, von der ausgreifenden Reflexion hin zu einer ebenso aphoristischen wie bildlichen Schärfe. An einigen wenigen Stellen sind im Deutschen die Fälle etwas verrutscht. Auch hätte man sich als Leser gleich zu Beginn jenes Spiel mit den Klangfächern der Sprache gewünscht, das Juarroz zeitlebens kultiviert hat. Doch solche Kleinigkeiten fallen nur deshalb auf, weil die Übersetzung im Fortgang umso genauer zeigt, welcher Kraft sich die Poesie des Argentiniers verdankt: «Die Variationen pflegen, / jeden Namen ein wenig verschieben, / jeden Gegenstand, jedes Gedicht.»
Nico Bleutge, NZZ online
Juarroz ist ein Fachmann des beharrlich in die Tiefe ziehenden Soges. Seine Gedichte beschreiben nicht die sichtbaren Dinge, sondern ergründen ihre innere unsichtbare Dynamik. Jene Kraft, von der weder Wissenschaft noch Philosophie bislang den endgültigen Ursprung finden konnten. "Der Tag wird kommen, an dem das Sichtbare mit den Augen von etwas anderem gesehen werden muss, als wäre es etwas anderes. Oder als wäre es vielleicht endlich sichtbar. Oder einfach, als ob es wäre."
Juarroz' Poesiezyklen tragen keine Titel, er summiert sie unter dem Begriff Vertikale Poesie. Juarroz fordert, man sollte das Unendliche prüfen, um zu sehen, ob es widerstehe. Denn das Schicksal jener Schritte, die wir nicht tun, schriebe sich in einen parallelen Raum ein.
Für Leser seines Werks bleibt von dem 1995 verstorbenen Juarroz besonders jener Satz im Gedächtnis, der weniger ein Ratschlag als eine an sich selbst gerichtete Frage ist. Man solle die Zeit des Todes vorab verbrauchen, vielleicht dauere so der Tod kürzer und nähme das Leben andere Türen.
Cornelia Jentzsch, Frankfurter Rundschau
Diese Gedichte sind ernst, ja streng - unnachgiebig streng. Doch sie bohren intensiv-emotional und intellektuell. Die Übersetzungen der Burghardts sind vorzüglich.
Hans-Martin Ganger, Frankfurter Allgemeine Zeitung
Ihrer doppelten Richtung in die Höhe und die Tiefe gemäß zeigt sich die philosophische Lyrik von Juarroz zugleich glasklar und dunkel.
Andreas Dorschel, Süddeutsche Zeitung
Wer nicht weiß, was Gedichte mit unserem Leben, unserem Fühlen, unserem Denken zu tun haben könnten, mit der Gesundheit, dem Gemüsemarkt, der Rente, der Zimmertemperatur und so weiter, einfach mit allem, der lese die Lyrik des wunderbaren Dichters Roberto Juarroz. Nur lesen. Und danach eine Weile schweigen.
Paul Ingedaay, Börsenblatt