Literatur

Ursula Krechel
Der Übergriff

Erzählung
160 Seiten, gebunden
€ 18,80 / Sfr 28,90, WG 1112, Nur mehr ab Verlag lieferbar
[978-3-902144-16-4]
Eine verletzte Frau beginnt zu reden.

"Immer, wenn ich den Mund aufmache, erhebt sich neben mir eine Stimme. Sie sagt laut und vernehmlich: Halt's Maul." So häufig ist ihr über den Mund gefahren worden, daß die Lippen rauh und spröde davon geworden sind. Wie dieser Einschüchterung entkommen? Indem man den Mund nur mehr öffnet, um zu essen, zu küssen oder zu staunen? Andererseits: Hat nicht gerade das Schweigen dieser Stimme Raum gegeben? Zu oft ist geschwiegen worden, auch damals, als man im ganzen Haus hörte, daß die Nachbarmädchen geschlagen wurden. Hat man die eigene Sprache verlernt, weil man verlernt hat hinzuhören? Auch der CNN-Reporter muß nicht mehr hinhören, wenn er vom Krieg berichtet; er hat ja jede Verzweiflung fest im Griff.
In dieser Erzählung spürt Ursula Krechel den unterschiedlichen Facetten und Formen der Gewalt nach: den mächtigen und den leisen, den sexuellen und politischen, denen, die man begangen hat, denen, die man erlitt. Und sie tut es auf eine höchst luzide und zugleich irritierende Weise: denn letztlich bleibt man in dem Geflecht von Schuld und Scham hoffnungslos verfangen.

 

Ursula Krechel zu ihrem Buch

"Kann man Gewalt hören, riechen, schmecken? Man spricht von einem Klima der Gewalt, von Gewalt-Tätigkeit, den körperlichen Versuchungen der Gewalt. Eine Figur verliert ein Stück Wirklichkeit, auch ein Stück Menschlichkeit, wenn das nicht das gleiche ist. Sie wird eine Wahrnehmungsberechtigte der Gewalt, an der sie teilhat. Aber das Hören und Sehen vergeht ihr nicht. Im Gegenteil: es verschärft sich auf dramatische Weise. Ich habe, während ich dieses Buch schrieb, in dem eine sommerliche Schiffsreise abrupt endet, in dem die Platanenrinden vor Trockenheit knackend vom Baumstamm springen, viel gefröstelt. Ich wollte an eine Grenze gehen, die Grenze überschreiten. Man stößt nicht ungestraft an die Schamschwelle und verharrt auch nicht an ihr."