Literatur

Martin Prinz
Puppenstille

Roman
144 Seiten, gebunden
€ 17,- / Sfr 26,50, WG 1112
[978-3-902144-62-1]
Noch ein Inspektor? Noch einer, ja, aber einer, der anders ist. Und das verlangt dieser Fall auch.

Inspektor Starek ist anders. Anders als die Kollegen im Amt oder in den anderen Büchern. Er redet nicht gern, dafür sieht, riecht, spürt er um so mehr. Manchmal mehr, als er brauchen kann.
So auch an diesem Dienstagmorgen, der nicht lange ein Dienstagmorgen wie immer ist: Was da neben der Zeitung auf der Matte vor seiner Wohnungstür liegt, ist ein Strick. Und zwei Minuten vorher erst hatte ihm der Kollege am Telefon mitgeteilt, daß eine Erhängte gemeldet worden sei. Sie war nackt.
Es wird nicht bei einer bleiben. Auch nicht bei dem ersten Entsetzen angesichts der häßlichen, sehr häßlichen Dinge, mit denen Starek sich konfrontiert sieht. Eins kommt zum anderen, paßt aber nicht dazu. Oder leider doch? Starek beobachtet und überlegt, soweit er zum Überlegen kommt. Er versucht, sein eigenes Leben da raus zu halten, so schlecht es geht. Die Indizien addieren sich und warten darauf, daß die Rechnung aufgeht, die dann präsentiert wird. Wem aber?
Martin Prinz erzählt zügig, und doch mit kleinen Luftblasen. Und er erzählt mehr als nur einen Fall. Vielleicht, weil die Toten mitten aus unserem Leben sind?

 

Martin Prinz zu seinem Buch

Inspektor Starek zum Tee bei seinem Autor

Ich könnte, sage ich während des Teeaufgießens zum Inspektor, nun in der Aufzählung meiner Gewohnheiten fortfahren, Ihnen genauer von der Frühstücksmusik berichten oder den für heute ins Auge gefaßten Vorhaben. Doch auch wenn wir uns dabei manchmal, wie Sie vorhin zu Recht eingeworfen haben, sehr ähneln, unterscheidet sich unser Leben deutlich. Erst abends, beim Ausstrecken der Füße und erneuten Musikhören, nähert sich unser Alltag in den übrig gebliebenen Nachbildern scheinbar aneinander an, bis wir im Schlaf tatsächlich kaum auseinanderzuhalten wären.
Was interessiert Sie eigentlich an einem Inspektor, fragt er.
Haben Sie, gebe ich zurück, noch nie von einem Doppelgänger geträumt, der Dinge anstellt, die Sie sich selbst nie erlauben würden?
Darüber hinaus aber, rede ich weiter, könnte ich mein Interesse auch daraus erklären, daß ich am liebsten Kriminalromane lese, daß ich selbst Bücher wie Ulysses immer auch unter dem Aspekt des Kriminalistischen betrachtet habe. Doch wäre das nicht auch eine Ausflucht?
Wovor haben Sie Angst?, fragt Starek mich daraufhin.
Ich habe, sage ich nun vielleicht um eine Spur vorsichtiger, im letzten Jahr, bevor ich begann, Sie gleichsam in meinem Alltag ermitteln zu lassen, immer wieder geträumt, es würde jemand mitten in der Nacht zur Wohnungstür hereinschießen. Selbst in diesen Wochen schrecke ich noch manchmal aus dem Schlaf hoch.
Ihr Schreiben, ist das kein Schutz?
Schon. Und doch bin ich meinen Ängsten darin genauso schutzlos ausgeliefert - selbst in den zeitweiligen Euphorien des Gelingens. Erst im Moment des ersten Nachhalls solchen Aufgeschriebenhabens entsteht für Augenblicke der Anschein einer Sicherheit. Bis man merkt, daß auch die nur der Eigenwirklichkeit des Textes gilt: einer Welt, der man selbst schon nicht mehr angehört.
Und was wäre, wenn Sie nicht schreiben würden?
Ich weiß es nicht. Und ich will es auch nicht wissen, sage ich. Ich kann mir nur vorstellen, daß mein Leben ein völlig anderes wäre. Ich könnte nicht von mir abzusehen. Ich würde alles, die ganze Welt, ständig auf mich allein beziehen. Es wäre nicht auszuhalten. Denn so unersättlich ich manchmal bin, im Laufen oder im bloßen Vor-mich-Hinstarren, so unersättlich wäre ich sonst in jedem Moment meines Alltags: bis ich daran, so wie jeder, der vor lauter einatmen nicht mehr ausatmen kann, eben erstickte.
Vielleicht hatte ich ihm damit auch schon zu viel über mich erzählt. Denn kaum war ich an das Ende meiner Sätze gekommen, war Starek aus meiner Küche verschwunden.