Autoren

Olga Flor

Geboren 1968 in Wien, aufgewachsen in Wien, Köln und Graz. Nach dem Abschluss eines Physikstudiums arbeitete sie im Multimedia-Bereich.
Seit 2004 freie Schriftstellerin. Romane, Kurzprosa, Essays, Theater – und Musiktheaterarbeiten. Publikationen in Tageszeitungen und Zeitschriften, z.B. Standard und Berliner Zeitung; aktuell auch für den writers’ blog des Literaturhauses Graz.
2010/11 Lehrtätigkeit am Studiengang Sprachkunst der Universität für Angewandte Kunst in Wien. Ausstellungskuratat, gemeinsam mit Hildegard Kernmayer: Im Krug zum Grünen Kranz. Peter Rosegger in Graz, grazMuseum 2013.
Mitglied der Jury für den Literaturpreis Wartholz 2016 und 2017.
Zahlreiche Preise und Stipendien, zuletzt: Anton-Wildgans-Preis 2012, Outstanding Artist Award 2012, Veza-Canetti-Preis 2014.
Jüngste Romane:
Die Königin ist tot, Zsolnay, 2012.
Ich in Gelb, Jung und Jung 2015.
Klartraum, Jung und Jung 2017.


Aktuell im Verlag

282 Seiten, gebunden, € 23,–, WG 1112 [978-3-99027-096-7], auch als e-book (978-3-99027-158-2) erhältlich Erstverkaufstag: 8. 9. 2017 Die Arbeit an "Klartraum" wurde gefördert durch ein Elias-Canetti-Stipendium der Stadt Wien
Klartraum
Begehren und Aufbegehren: »Man kann sich allerdings auch weigern, an einer Liebe zugrunde zu gehen.«

Es ist immer dasselbe mit der Liebe. Oder doch nicht? Ändert sie sich, weil die, die lieben, sich ändern? Und wie sähe eine Liebe heute aus? Wo wäre heute ihr Platz? Zwischen Familie und Karriere, in einer Welt, die einen drängt, seinen Vorteil zu suchen, zu erzwingen, den Nachteil des anderen in Kauf zu nehmen. Ist die Liebe in Zeiten umfassender Ökonomisierung mehr als eine Verhandlungssache, bei der der eine die andere (oder umgekehrt) immer über den Tisch zieht? So wie im Fall von P, unserer Protagonistin, und A – dem Allergeliebtesten, dem Antagonisten? –, die sich das kleine große Glück einer leidenschaftlichen Affäre gegenseitig abringen, als wäre es ein Kampf auf Leben und Tod.
Olga Flor hat einen Liebesroman geschrieben, der so ganz anders klingt als das alte Lied vom Glück und Unglück zu zweit, zu dritt, zu viert usw. Haltlos im Begehren, voller Furor im Leiden, aber ohne jeden Seelenkitsch, schmerzhaft klar und nüchtern. Trost? Der Trost liegt darin, nicht aufzugeben.

 

Daniela Strigl in ihrer Einleitung zu Olga Flors Lesung aus  „Klartraum“ im Rahmen der O-Töne 2017

Von Olga Flor stammen einige der wichtigsten Bücher nicht nur der österreichischen, sondern der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur … Nun hat sie mit „Klartraum“ endlich einen Liebesroman geschrieben, einen großen und großartigen Liebesroman, von dem der Verlag im Klappentext so zwischen den Zeilen bezweifelt, daß es einer sei. Vielleicht handelt es sich ja eher um ein Protokoll des Entliebens, aber die Anatomie einer Trennung kommt eben nie ohne die Vorgeschichte des Zusammenfindens, ohne das Hochfest der Liebe und die Beschwörung des Glücks aus. Olga Flor erzählt die Geschichte zweier Menschen, die verbotene Früchte genießen, als paradigmatischen Fall ... „Klartraum“ erzählt also von einer Liebesgeschichte, in der Lust und Verlust sich lange die Waage halten. Von einer Liebesgeschichte, die von Anfang an und wesentlich auch eine – wie es heißt - „Leibesgeschichte“ ist. Olga Flor erzählt, wie immer, in einem der Sache maßgeschneiderten Sprachgewand, rhythmisch, ironisch und selbstironisch, weltumspannend-individuell und bei allem vereinzelten unstillbaren Seelenschmerz nie das große Ganze der Gesellschaft aus den Augen verlierend. Erschreckend klug und schmerzhaft genau schreibt sie ja stets – diesmal aber ist es zuallererst ergreifend, bewegend, anrührend.

Buchvorstellung Alte Schmiede, Wien, 25.9.2017, Einführungstext von Johanna Öttl:

Mit Klartraum hat Olga Flor einen Roman geschrieben, der irgendwie ein Liebesroman ist und irgendwie auch nicht. Es ist ein Roman, der in der privaten Konstellation einer zerfallenden Liebesbeziehung ein Zeitpanorama der Gegenwart entwirft.

Doch beginnen wir mit dem Liebesroman: Olga Flor erzählt das Ende einer Beziehung, in der Glück und Unglück, Lust und Verlust einander über Jahre hinweg stetig abgewechselt haben. Die Protagonistin P wird von ihrem Liebhaber A verlassen – allerdings ist die Sache etwas komplizierter, als dies nun klingt, schließlich sind beide verheiratet, jedoch nicht miteinander. Beide haben Kinder und halten ihre außereheliche Beziehung mit gewissen „Handlungsübereinkünften“, wie es im Roman heißt, aufrecht. Welche das sind, werden Sie auch in der Lesung hören.

 

Die handelnden Personen haben keine Namen. Die Protagonistin, über deren Gefühle und Gedanken wir in dem Roman am meisten erfahren, wird entweder als „die Protagonistin“ bezeichnet oder mit der Abkürzung P.; der Mann, der sie verlässt, ist A.

Es sind also keine individuellen Namen, sondern mehr oder weniger austauschbare Abkürzungen, jeder oder jede von uns könnte es sein, die so empfindet, sich so verhält. Über den Roman verstreut finden wir jedoch mögliche Begriffe, für die diese Abkürzungen stehen könnten. Keine Namen, sondern Hinweise auf die Beziehung der Figuren zueinander oder auf die Welt, in der sie leben:

P. und A. – Olga Flor stellt sie als Protagonistin und Antagonist vor

Aktivität und Passivität (S. 60) – ich meine, dies bezieht sich sowohl auf ihr Sexualleben als auch auf das Kommunikationsverhältnis zwischen ihnen

Analysand und Probandin (S. 112)

der von der Protagonistin Angesprochene (S. 129), der gerne und viel schweigt

und auch die Bezeichnungen Projektmanagement und Abwicklung (S. 252) werden mit den Charakteren verbunden

 

Diese beiden Figuren werden damit im Roman nicht nur zu einer Projektionsfläche für verschiedene Namen und Rollen, sondern es zeigt sich, dass A. und P. nicht nur als Liebespaar konzipiert sind, sondern auch handelnde Personen in einer Welt sind, die nicht gerade auf eine romantische Weise verfasst ist. Ihre möglichen Stellvertreter-Namen verraten viel über die Welt in der sie leben, in der sie handeln und von der ihre Leben bestimmt sind. Projektmanagement, Abwicklung, rationale Analyse – das sind Begriffe, die auf eine Welt verweisen, in der von Menschen verlangt wird, dass sie funktionieren, effizient sind und kontrolliert. Oder sich kontrollieren lassen.

Ihrer Traurigkeit über die Trennung von A. kann die Protagonistin nicht zeigen, sie muss kontrolliert sein, einen „Schutzwall“ errichten, wie es heißt. „Das menschliche Leben“, so denkt sie, „ist ein mittelfristig verloren zu gebender Kampf um die Aufrechterhaltung eines lokalen Entropieminimums, das auf zwei Beinen geht und durch Haut begrenzt wird.“ (S. 107)

 

Damit sind wir bei der Sprache des Romans angekommen, Flors wie immer präziser Sprache mit diesem Hauch an Ironie und Selbstironie, die viele Leser*innen und auch ich so schätzen. In Rezensionen zu ihren Romanen finden sich oft Verweise darauf, dass Flor Experimentalphysik studiert hat, womit die auffällig kühle, präzise und manchmal fast technisch wirkende Sprache zusammenhänge. Ob dies wirklich an ihrer naturwissenschaftlichen Ausbildung liegt, kann nur vermutet werden – es ist eigentlich, so meine ich, auch nicht wichtig. Wichtig ist, dass daraus auch in Klartraum eine sehr produktive Spannung entsteht zwischen einer Art Empirismus des Inhalts (der individuellen Erfahrung des Zerfalls einer Liebesbeziehung und den daraus gewonnen Erkenntnissen über zwischenmenschliches Miteinander) und dem Rationalismus der Sprache.

Es ist nicht zuletzt diese Sprache, die dazu beiträgt, dass ich Olga Flor für eine politische Autorin halte. Eine politische Autorin insofern, als sie mit den Mitteln der Literatur und einer sehr bewusst gesetzten Sprache danach fragt, wie politische und gesellschaftspolitische Zusammenhänge der Gegenwart Bewusstsein und Lebensformen bestimmen. Bewusstsein und Lebensformen der Figuren ihrer Romane, aber damit auch jene ihrer Leser*innen. Die Sprache dieses Liebesromans ist nicht die Sprache jener Liebesromane, die man vielleicht im ersten Moment erwarten würde, wenn man Olga Flors bisherige Veröffentlichungen nicht kennt – ja, es kommen Glück, Lust, Herzklopfen und Gedankenschleifen vor, doch sind diese in eine Sprache der Ökonomie oder der Selbstoptimierung gekleidet.

Auch die Protagonistin ist – wenn man Olga Flors bisherige Romane kennt, kann auch dies nicht überraschen – jedoch nicht nur Opfer externer Verhältnisse, sondern auch Mitspielerin. Außerdem zeichnet Flor sie als ambivalente Figur, die manchmal durchaus auch unsympathisch ist. Eine kluge Entscheidung, denn damit entkommt der Liebesroman dem Kitsch und kann stattdessen zu einem Zeitpanorama der Gegenwart werden.

 

 

 


Weitere Bücher

Olga Flor
Ich in Gelb