Autoren

Walter Müller

Geboren 1950, lebt in Salzburg.

Schreibt Romane, Erzählungen, Essays, Theaterstücke, Hörspiele und Kinderlieder. Zuletzt erschien: »Die Häuser meines Vaters«, 2003.



Aktuell im Verlag

252 Seiten, gebunden, € 19,90 / Sfr 30,50, WG 1112 [978-3-902497-27-7]
Schräge Vögel
Eine seltsame Truppe trifft sich da im virtuellen Raum, Leidens-Genossen, die zwar nicht viel zu genießen haben, dafür aber auf einmal entdecken, wie freundlich man zueinander sein kann.

Wie man überhaupt ein schräger Vogel wird? Indem es einen erwischt. Und die, um die es in diesem Buch geht, hat es ziemlich heftig erwischt, mit Krankheiten, mit denen sich mancher gar nicht mehr recht vor die Tür traut. Postings aber kann man immer schreiben, und wenn man erst mal die Foren gefunden hat, wo sich die austauschen, denen es ähnlich geht, dann kann das Schreiben auch über die unlustigsten Dinge bisweilen sehr lustig werden.
Nicht immer natürlich, zum Beispiel dann nicht, wenn man in gestandenem Alter auf einmal entdeckt, daß man einen Bruder hat, von dem man bis dahin nicht nur nichts wußte, sondern fast gleichzeitig erfahren muß, daß er nur noch so herumkrebst. Aber es gibt ja immer auch die anderen, die Mit-Leidenden und Mit-Lacher, die da mit ihren Blogs in den Trübsinn blasen, ehe er allzu düster wird.
Postings sind hier nicht nur die Voraussetzung für das Zusammentreffen dieser virtuellen Familie unterschiedlichster Mit-Spieler, Walter Müller nutzt sie auch auf virtuose Weise als literarische Möglichkeit, selbst das Bittere so beiläufig ins Spiel zu bringen, daß die Würde der Figuren bleibt und die Leichtigkeit des Erzählens nicht verloren geht.

 

Walter Müller zu seinem Buch

Ich hab immer geglaubt: mit dem Tod kenne ich mich aus! Ich arbeite ehrenamtlich für ein Hospiz, besuche aus reinem Interesse Bestatterfachmessen, gehe leidenschaftlich gern über Friedhöfe, hab jahrelang die Todesanzeigen aus verschiedenen Zeitungen ausgeschnitten und gesammelt – und schreibe immer wieder über all das: Essays, Feuilletons, Theaterszenen, Gedichte.
Dann hab ich, fünfzig vorbei, meinen Halbbruder, fünf Jahre jünger als ich, kennengelernt. Zwei Jahre später war mein Bruder tot, Zungengrundtumor. Erst nach dem Tod des Bruders bin ich im Internet auf diverse Foren gestoßen, in denen Menschen über ihre Krankheit oder die Krankheit eines Angehörigen „posten“, also Mails schreiben, über das Sterben, den Tod, die Trauer, das Erinnern. Beim Posten, im Schutz der Dunkelheit und der Anonymität, schreiben sich Menschen, die sonst den Mund nicht aufbringen, ihre Wut, ihre Angst, ihre Sehnsucht von der Seele.
In „Schräge Vögel“ lasse ich in einem fiktiven Forum ein fiktives Personal auftreten, das sich über das Sterben, den Tod, die Trauer, das Erinnern austauscht. Aber auch über Kaffeehäuser und Friedhöfe, Lieblingskellnerinnen und Wellensittiche, eine Zuhältermutter und einen Messie-Nachbarn, über skurrile Nachrufschreiber, verzweifelte Säufer und todtraurige Clowns. Alle müssen ihre Geschichten loswerden. Geschichtenerzählen (und sonst nichts!) hilft angesichts des Todes und über den Tod hinaus.