Iso Camartins Laudatio bei den Rauriser Literaturtage 2005
"Der Schmerz macht Hühner und Dichter gackern" schreibt Nietzsche an einer Stelle seines Zarathustra. Was so gerecht verteilt zu sein scheint zwischen Mensch und Tier, ist dadurch nicht auch schon verständlich. Die Sprache des Schmerzes bei gackernden Hühnern ist nicht so leicht zu deuten, wie es die Liebhaber von Frühstückseiern meistens annehmen. Und bei Dichtern dürften die Bekundungen von Schmerz erst recht Mitteilungen der komplexeren Art sein. Seit Menschen Über den Schmerz zu sprechen versuchen, geraten sie an eine Grenze der Mitteilbarkeit. Was sie Über den Schmerz sagen können, ist anders und himmelweit entfernt von dem, was sie im Schmerz direkt empfinden. Es liegt etwas nicht Einholbares zwischen dem Bewusstsein des Schmerzes und der Sprache, die man verwendet, um dieses Bewusstsein kundzutun. Seit Wittgensteins Philosophischen Untersuchungen ist es uns schärfer als je zuvor bewusst, dass wir gerade beim Reden Über den Schmerz in einem seltsamen Sprachspiel befangen bleiben und zum eigentlichen Schmerz sprachlich nicht vorzudringen vermögen. Dennoch reden wir darüber, ja müssen wir darüber reden, auch wenn das Phänomen uneinholbar bleibt. Denn der Schmerz schreit ja geradezu aus dem Leidenden heraus, manchmal laut und ungehemmt, manchmal kaum vernehmbar leise und verdeckt. Schmerz gehört zum Leben wie die Lust. Nur ist die jubelnde Sprache der Lust verlässlicher als die des Schmerzes. Lust lässt sich offenbar authentischer mitteilen als Schmerz. Und immer, wenn von Philosophen oder Dichtern ein neuer Versuch unternommen wird, die Sprache des Schmerzes zu enträtseln, horchen wir auf. Als ob jemand ein uraltes Verlangen endlich einzulösen versuchte. La cognizione del dolore - Die Erkenntnis des Schmerzes wie der Titel eines Romanfragments von Carlo Emilio Gadda heisst: Was für eine Denk-, und erst recht: was für eine Schreibaufgabe!
Und plötzlich ist wieder so ein Versuch da. Ein frischer, mutiger, kecker Versuch einer jungen Autorin, sich der ungeheuren Herausforderung zu stellen. Christine Pitzkes Roman Versuche, den Morgen zu beschreiben, ist so ein Unterfangen. Eine Erkundung der Schmerzfähigkeit und der Schmerztauglichkeit des Menschen. Der Roman erzählt eine plausible Geschichte. Ein Mann kehrt zurück aus dem Ausland, offenbar aus einer Region, die von Kriegszuständen heimgesucht wurde. Er ist beschädigt und verstört, ohne dass freilich die Verletzungen äusserlich sichtbar wären. Doch sein Verhältnis zur Welt ist aufgrund des Erlebten verstellt und gebrochen. Der Mann findet Unterkunft und Zuflucht bei einer Frau, die Ärztin ist, Anästhesistin, um genauer zu sein. Aus der beobachtenden Teilnahme dieser Schmerzexpertin erleben wir als Leser sowohl die Verströmungskapazität wie den Ansteckungsgrad von Schmerz. Eine Art Lebenslogik der Ausgleichung setzt ein. Im Erfahrungsbereich von Lebensschmerz bleibt auch eine Anästhesistin nicht immun. Eine doppelte Uneinholbarkeit tut sich auf: So wenig, wie wir den Schmerz begreifen, begreifen wir das Geheimnis der leidenden Person. Es ist, als würde gerade der Schmerz um das Geheimnis des Individuums einen Raum der Unnahbarkeit ausbreiten, den nicht einmal die Liebe durchdringt. Schmerz entzieht uns den Menschen, den wir lieben, aber er schützt ihn auch und hütet ihn vor allen Vereinnahmungen. Das Rätsel des Anderen wächst wohlbehütet im Schutzmantel des Schmerzes heran. Je geheimnisvoller jemand leidet, umso ungefährdeter ist für den Erkennenden und den Liebenden die von ihm ausgehende Faszination.
Unsere Anästhesistin ist eine wahrhafte Spezialistin für Wundversorgung und Schmerzfreiheit. Als solche spricht sie manchmal zu uns. Sie weiss, wie sich Wunden von innen oder von den Rändern her schliessen. Ist sie doch geradezu eine Angestellte des Schmerzes. Wir erfahren viel Über Verletzungsregeln und Wundheilungen. Sie ist höchst bewandert im Umgang mit offenen blutenden Wunden am Leib, aber auch mit solchen, die in Gehirn und Gedächtnis eindringen. Wir erfahren etwa, was ein Wundspreizer ist; dass man uns ansehen kann als ein Röhrensystem, als ein komplexes Gewebe, als Protoplasma. Wir sind zugegen im Aufwachraum, wenn aus den behandelten Resten wieder ein Ganzes wird. Medizin ist auch Rekonstruktion des Lebens, Wiederherstellung der Körpermaschine. Ein grosser Reiz dieses Buches liegt in einer Art von offener Wundbehandlung und fachkundiger Zuwendung zu allem Körperlichen. Aber wir sind nicht nur Protoplasma, "wir sind ja auch Psychoplasma" - heisst es an einer Stelle. Und da wird das Buch wunderbar doppelbödig. Gibt es auch Wiederherstellungschirurgie für die Seele? Und für die quälenden Bilder, die im Kopf bluten?
Es ist nicht ein kalter und zynischer Blick, der hier auf das Leben und das Leiden fällt - es ist ein teilnehmender und Überaus entlastender. Das macht das Buch an vielen Stellen geradezu heiter und lebenskomisch. Es gibt eben auch die Wundversorgung der ablenkenden und der ausweichenden Art. Der Schmerzensmann sieht manchmal trauriger aus, als er zu sein braucht. Man muss mit ihm ausreissen aus den Wänden der Schmerzbespiegelung und hineinstürmen in den frischen Morgen und den neuen Tag. Das macht die Autorin so geschickt und sensibel, dass der Leser sich ihr gerade als Schmerzensmann zur Verfügung stellen möchte. Die Geschichte, die uns Christine Pitzke hier erzählt, ist auch eine wunderschöne Liebesgeschichte. Eine geradezu morgengläubige und morgenselige Liebesgeschichte. "Morgens werden die Himmel wieder aufgepflanzt, Baumkronen und die Becher der Herbstzeitlosen aufgemacht, Blüten angezündet." Oder an einer anderen Stelle: "Morgen also werden wir uns den Himmel neu aufrichten, uns wieder eine Oberwelt ausdenken, nur um durch den Tag gehen und handeln zu können." Oder ein letztes Zitat: "Der beginnende Tag ist nicht ein Derivat des vorausgegangenen, sondern etwas Fremdes." In diesem Fremden liegt die Chance für ein Leben im nötigen Abstand vom alten Schmerz. Je mehr Krol und seine Wundversorgerin, das seltsame Paar dieses Romans, miteinander unterwegs sind, umso heiterer wird es einem zumute. "Letztlich brauchen wir einander mehr, als wir uns verachten." - heisst es an einer Stelle des Buches. Gemeint sind da zwar die Klinikkollegen untereinander, aber es gilt dies nicht weniger für Liebende. Denn diese ahnen zusätzlich noch etwas vom unhintergehbaren Geheimnis der Person. "Sobald eine Seele ihre Absicht aussagt, ist sie verloren, sie schützt sich nur, indem sie schweigt oder Ansprüche stellt." Und darum lautet das Rezept für die Wundversorgung der liebenden Art wohl auch: "Nur nicht zu innig sein, zu deutlich und erkennbar."
Dass es dieses Buch gibt, liebe Christine Pitzke, macht mich glücklich. Den Schmerz rotten wir nicht aus, auch mit der Liebe nicht. Aber dass es immer wieder einen neuen Morgen geben kann, der für einen alten Schmerz nicht taugt, einen Morgen, der von altem Schmerz nichts wissen will: das macht das Leben doch ziemlich lebenswert.