Autoren

Martin Prinz

Geboren 1973, aufgewachsen in Lilienfeld. Lebt in Wien.

Studium der Theaterwissenschaft und Germanistik

Auszeichnungen 
2000 Anerkennungspreis für Literatur des Landes Niederösterreich
2002 Autoren- und Buchprämie der Republik Österreich
2002 Förderungspreis für Literatur der Stadt Wien

 

  



Aktuell im Verlag

152 Seiten, gebunden € 18,– / Sfr 27,90, WG 1112 [978-3-902497-28-4]
Ein Paar
Wenn man die Liebe erlebt hat, findet man dann in die Ehe zurück?

Früher, da war sie noch in der Morgendämmerung aufgebrochen, um Stunden später im Stoppelgras irgendeines Gipfelhangs zu liegen, im Sommerwind, die Hände hinter dem Kopf verschränkt, als wäre sie die einzige, für die es keinen Alltag gäbe. Nun hat dieser Alltag sich eingestellt, komfortabel allerdings: Sie hat einen Mann, um den man sie beneidet, einen Beruf, der fordert, aber nicht zu sehr, einen Freundeskreis, der weiß, wie man Abende arrangiert und welchen Wein man dann serviert – wie viele dieser Generation. Sie könnte glücklich sein, war es vielleicht auch, bis sie einem Mann begegnete, der Sehnsucht weckte. Die alte? Eine neue?
Was tun, wenn der Wunsch nach Unbedingtheit nicht mit dem Ende der Liebe verschwindet? Was denken, wenn der Mann, mit dem man lebt, von allen Gefährdungen nichts merkt? Gibt es am Ende auch in seinem Leben Wünsche, die er lieber verbirgt, in der Hoffnung, sie kapseln sich dann ein?
Beide machen sich auf den Weg, unabhängig voneinander, unabgesprochen. Ihrer führt sie nach Lassing, wo sie vor Jahren im Auftrag ihrer Zeitung vom Grubenunglück berichtete, von der tagelangen Suche nach dem einen verschütteten Mann tief unten im Berg. Seiner führt ihn in eine lichtere Gegend, die sich öffnen könnte, in eine Zukunft. Sieht er sie dort? Nicht sicher. Sicher ist nur, daß sie Sonntag zurück nach Hause kommt. Dort wird er auf sie warten.

 

Martin Prinz zu seinem Buch 
  

Ausschnitt aus einem Gespräch das Clarissa Stadler, ORF-Kulturredakteurin und 1998 selbst zehn Tage lang als Berichterstatterin in Lassing, mit Martin Prinz geführt hat.
Stadler: Wie sind Sie überhaupt auf Lassing als Hintergrundstoff für Ihren Liebesroman gekommen?
Prinz: Ich war schon als Volksschüler ein begeisterter Zeitungsleser. So bin ich auch auf den Stoff für meinen ersten Roman „Der Räuber“ gestoßen, dessen Flucht ich als 14-Jähriger via Zeitung mitverfolgt habe. Mit Lassing ist es mir ähnlich gegangen. Ich kann mich noch deutlich an das muffig-dunkle Vorstadtlokal erinnern, in dem ich damals den ersten Bericht über den verschütteten Bergmann Georg Hainzl gelesen habe. Da hatte ich bereits eine fast physische Vorstellung davon, wie dieser Kerl da alleine unter demselben Erdboden sitzt, auf dem ich mich in Wien gerade bewege.
Stadler: Das zu beschreiben ist Ihnen auch sehr gut gelungen, wie ich finde: dieses Stellvertreter-Gefühl, das alle hatten, obwohl oder gerade weil jedem klar war, dass seine Situation ohnehin unvorstellbar ist.…

Prinz: Mich interessiert an Georg Hainzls Abgeschlossenheit vor allem der Aspekt ihrer Unwirklichkeit: sein Major-Tom-Schicksal, ein Mann in einem Raumschiff, das den Kontakt zur Erde verliert. Deshalb hatte ich nicht den Anspruch, die Ereignisse exakt so darzustellen, wie sie wirklich waren, obwohl ich in der Schilderung der Geschehnisse von den Zeitungsberichten ausgehe.…

Prinz: Und das ist auch der Knotenpunkt von Wirklichkeit und Roman: Genauso wie Susanne sich vor zu großen Sehnsüchten und Hoffnungen in der Liebe fürchtet, hat Georg Hainzl in einem Interview gesagt, dass er am Ende in seiner Höhle lieber geschlafen und geträumt als zu große Hoffnungen gehegt habe. Und immer, wenn ich mich gefragt habe, was ich über den eigentlichen Bergmann wissen kann, bin ich auf diesen Satz zurückgekommen, der von unerreichbarer Entfernung und unheimlicher Nähe gleichzeitig erzählt. Denn gerade weil einen die Katastrophe blind macht, wenn man vor Ort ist, darf Literatur nicht den Fehler machen, dem Geschehenen zu nahe zu treten. Einer der Kritikpunkte an Don DeLillos neuem Roman „Falling Man“ über die Anschläge vom 11. September 2001 bezieht sich nicht zufällig auf seine Tendenz, sich allzu sehr in sein Personal hineinzuversetzen, eine nur behauptete Nähe zu erzeugen.
Stadler: Aber warum sollte der Schriftsteller hier einen solchen Sicherheitsabstand wahren? Weil man ihm sein Einfühlungsvermögen nicht abnimmt?
Prinz: Da geht es weniger um Glaubwürdigkeit, sondern um die Unbegreiflichkeit von Katastrophen oder Wundern. Im Unterschied zum Journalismus muss die Literatur sich sozusagen rund um das Ereignis postieren und die Beobachtungspunkte markieren.
Stadler: Das macht der Journalismus doch auch ...
Prinz: ... aber vom Journalisten wird verlangt, alles zu wissen, auch wenn er das gar nicht kann.
Stadler: Das heißt, dass die Literatur im Angesicht der Katastrophe einen Perspektivenwechsel betreiben muss, der nicht der Pflicht zur Wahrheitsfindung unterliegt?
Prinz: Literatur ist nicht positivistisch. Sie bildet keine Endsummen, sondern Auslassungen, weiße Flecken, unterhalb derer eine andere Art von Wissen zutage tritt.…

Stadler: Die Figur des Sebastian hat für mich etwas Unheimliches. Dadurch, dass er im Text dermaßen gespensterhaft bleibt, macht er auch nie etwas falsch. Der Grund liegt wohl darin, dass sich in der Beziehung zwischen ihm und Susanne die Idee der idealen Liebe spiegelt – und die kann nicht wirklich werden, denn dann ist sie nicht mehr ideal. Die beiden dienen einander als Projektion, was jedoch nur funktioniert, weil diese Liebe nicht sein darf. Das Romanende hat für mich diesbezüglich eine philosophische Bedeutung, weil sich darin abzeichnet, dass es nicht darum geht, ewig dem Neuen nachzueifern, sondern die Wiederholung zu üben. Am Ende steht Georg am Gartentürl und wartet auf Susanne – so wie er es immer tut, wenn sie von einer Dienstreise zurückkommt.
Prinz: Stellt sich die Frage, ob die Wiederholung tatsächlich gelingt. Im Roman kann so ein Ende nur offen sein, weil dadurch garantiert ist, dass jeder im Lesen das eigene Leben mitdenken kann. Philosophisch wollte ich – gerade wenn es um die Liebe geht – mit einer Frage enden und nicht mit einer These.
Stadler: Meiner Meinung nach wäre am Ende sehr wohl eine Entscheidung möglich gewesen, weil das Problem von Susanne ja ihr extrem ausgeprägter Möglichkeitssinn ist, der sie mehr einschränkt als befreit. Insofern hätte der Roman die Wendung nehmen können, dass sie sich eben endlich einmal entscheidet. Andererseits liegt in der Tatsache, dass die Personen sich im Verlauf der Erzählung nicht zu solchen Entscheidungen hin entwickeln, wohl auch eine bewusste ästhetische Entscheidung.
Prinz: Die Reise Susannes beschränkt sich ja nur auf vier Tage. Ich finde Romane, in denen sich Figuren innerhalb kurzer Zeit so wahnsinnig entwickeln, unerträglich – weil das im wirklichen Leben ja auch nicht der Fall ist. Susannes Heimkommen allein wird vermutlich noch gar nichts entscheiden, wohl aber die Zeit, die darauf folgt. Insofern endet mein Roman bewusst dort, wo der klassische Entwicklungsroman erst richtig loslegen würde.

Der komplette Artikel in DATUM 9/2007

 


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