Ana Ristovic studierte serbischen Sprache und Literatur und Vergleichende Literaturwissenschaft und verbrachte die Jahre 1998 bis 2004 in Slowenien. Bisher hat sie fünf Gedichtbände veröffentlicht, zuletzt »Rund um die Null«, 2006.
Auszeichnungen
2005 Hubert-Burda-Preis für junge osteuropäische Lyrik.
"So dunkel und so hell: eine Auswahl aus mehreren Gedichtbänden. Einen Gutteil machen Gedichte aus meinem letzten Band aus, die jeweils das Wort „Angst“ im Untertitel führen. Die Rede ist von Ängsten, denen man täglich, wenn auch nicht immer bewußt, begegnet. Zum Beispiel die Angst vor der Natur. Die Angst befällt uns Städtebewohner, die an Luft, unberührte Freiräume und den Aufenthalt in ihnen häufig gar nicht mehr gewöhnt sind, wenn wir uns, ob freiwillig oder nicht, Orten aussetzen, die sehr gut ohne all das auskommen, was uns das Wohlergehen der Zivilisation und der technische Fortschritt gebracht haben. Denn eigentlich handelt es sich um die Angst von der Rückbesinnung auf sich selbst, wie man vor langer Zeit, in früher Kindheit, vielleicht gewesen ist; um die Angst vor dem Verlust des eigenen Schattens.
Von jeher war ich davon überzeugt, daß jedes Licht durch seinen Anteil an Schatten an Unverwechselbarkeit gewinnt. Daß zum Beispiel etwas ganz besonders Packendes und zugleich Niederschmetterndes im Betrachten jener Bilder liegt, auf denen Licht und Schönheit verquickt sind mit ihrem drohenden Vergehen. Zum Beispiel De Chiricos sonnendurchflutete Piazze. Was ahnt der Schatten, den dieses Haus auf diesen Passanten wirft, deren wirkliche Umrisse wir nicht sehen können, so daß wir uns mit ihren Schatten begnügen müssen? Erst durch den Schatten werden uns die Umrisse der Dinge und Wesen, die uns umgeben, und selbst unsere eigenen, deutlich. Durch Ahnung und Verlustangst. Und die Angst vor dem dreiunddreißigsten Jahr? Die Angst vor dem eigenen Bild? Die Angst vor dem Verlust des Zuhauses? Die Angst vor den Feiertagen? Die Angst vor der Einsamkeit im Bad? Oder die Angst vor der Erinnerung? Eigentlich könnte man all diese kleinen Harpyien unseres Alltags unter jenem Gemeinplatz rubrizieren, der uns seit unserer Geburt begleitet: die Angst davor, daß nichts um uns unsterblich ist.
Beim Schreiben gehe ich gerne von der konkreten Welt aus, die uns umgibt. In dieser Welt spielen Bilder und ungewöhnliche Details eine wichtige Rolle. Will ich zum Beispiel über Sommer schreiben, erwähne ich weder Vogelflug noch Vogelgezwitscher in grünen Wipfeln. Ich erwähne nur, was mir als erstes ins Auge fällt: einen ausgespuckten Kirschkern auf dem Fenstersims. In meinem Gedicht war wohl ein Vogel hier gewesen und hat die Spur seines Frühjahrsfrühstücks und schwingender Flügel hinterlassen. Der ausgespuckte Kirschkern birgt für mich einen ganzen Kosmos von Kommen und Vergehen, und erst hier kann ich ansetzen. Der Rest sind Feinheiten. Dabei versuche ich mich bei meinem Schreiben an folgendes Credo zu halten:
Sagst du „lange Nacht“, denk an kein Büchergrab.
Sagst du „Minne“, denk an die Minne. An keine Bleistiftmine.
So schreiben, daß wenigstens einer eines Verses wegen erzittert, als wäre er ihm zugedacht. Jemandem, wie mit einem Zauberstab, Erlebnisse und Gefühle übertragen. Natürlich erst, nachdem man sie im eigenen Innersten erlebt und tief empfunden hat. Denn wie die Liebe duldet die Dichtung keine Lüge."