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Wenn die Tiere die Menschen fressen Sherko Fatah mit Jörg Magenau, Süddeutsche Zeitung
Sie sind 1964 in Ost-Berlin geboren, haben über Ihren Vater eine kurdische Herkunft, den vielzitierten „Migrationshintergrund“, Deutsch ist ihre Muttersprache. Sie sind ein kurdischer Berliner mit DDR-Hintergrund. Wie sehen Sie sich selbst?
Fatah: Für mich ist das keine Frage. Ich bin deutscher Schriftsteller. Ich thematisiere zwar mein Erbe, aber Ich versuche, Distanz zu schaffen zwischen mir und dieser Herkunft und das literarisch fruchtbar zu machen.
Es gab nicht viele Kurden in der DDR. Was hat Ihr Vater da gemacht?
Fatah: In den 60er Jahren hat die DDR den Beschluss gefasst, kurdischen Studenten aus dem Irak ein Stipendium zu geben. Ein paar hundert Iraker sind dann in die DDR gegangen. Ich kenne viele noch aus der Kindheit und Jugend. Manche von denen sind in den Westen gegangen. Jedenfalls hat keiner die DDR-Staatsangehörigkeit angenommen. Deshalb war ihre Situation privilegiert. Auch die meiner Familie. Wir konnten jederzeit ausreisen und wieder einreisen. Irgendwann sind wir dann ganz in den Westen gegangen. Das hatte bei meinem Vater eher berufliche als politische Gründe.
Ihr Vater lebt wieder im Nord-Irak?
Fatah: Das ist für mich immer ein guter Grund hinzufahren. So konnte ich über Jahre hinweg beobachten, welche Auswirkungen große Entwicklungen auf diese kleine Region haben.
Ihre Bücher leben sehr stark von Reiseerlebnissen. Recherchieren Sie gezielt?
Fatah: Ich unterhalte mich mit Leuten, sammle Geschichten ein. Mein Vater erzählt mir viel, andere Verwandte, Bekannte. Nach und nach mischen sich meine Reiseerlebnisse mit den Erzählungen. Dadurch wird alles literarisch. So hat sich mir dieses Land immer dargestellt: Als eine Mischung von Erzähltem, Gesehenem und von Dingen, die immer mehr bedeuteten, als sie zu bedeuten scheinen.
In Ihrem neuen Roman „Das dunkle Schiff“ erzählen Sie den Lebensweg eines junge Kurden, von der Kindheit in einer nordirakischen Kleinstadt bis zum Asyl in Berlin.
Fatah: Um die Distanz zu wahren, habe ich diese Figur als Außenseiter angelegt, und zwar durch die Herkunft seines alevitischen Vaters – so etwas ist im Nord-Irak sehr selten. Kerim sehnt sich nach Zugehörigkeit. Nachdem er von Gotteskriegern in den Bergen entführt wird, gelingt es ihm sogar, sich unter ihnen heimisch zu fühlen. Nicht nur aus Angst, sondern auch aus Einverständnis wird er zu einem ihrer Mitkämpfer.
Sie beschreiben das Leben der Gotteskrieger so genau, als hätten Sie so ein Lager in den Bergen selbst besucht. Wie haben Sie sich diesem Stoff angenähert?
Fatah: Das begann viel früher, wahrscheinlich durch den 11. September. Ich habe mich gefragt, wie man darauf reagieren könnte. Was ist das? Was bedeutet das alles? 2004 war ich und habe mit den Recherchen für dieses Buch begonnen. Ich habe Leute getroffen, die gegen die Gotteskrieger gekämpft haben. Heute ist ein politischer Terrorismus wieder stärker im Vormarsch. Aber damals waren es diese Glaubenskrieger, die dann zurückgedrängt wurden durch den Angriff der Amerikaner.
Es ist Ihnen nicht gelungen, mit Gotteskriegern zu sprechen?
Fatah: Doch. Es gibt einige dort, mit denen man reden kann, die in den Gefängnissen sitzen. Doch das erwies sich rasch als Sackgasse. Die wirken wie gehirngewaschen. Diejenigen haben mir am meisten erzählt, die von außen drauf schauen und doch in der Nähe waren, die die Lager gesehen haben oder Opfer geworden sind von den Anschlägen. Und dann gibt es natürlich Familienverbindungen. Einzelne gehen in die Berge, um sich den Extremisten anzuschließen, und mit deren Cousins kann man dann sprechen.
Sie beschreiben eine brutale Hinrichtung und ein Selbstmordattentat und gehen dabei weiter als Nachrichtenbilder für gewöhnlich gehen. Darf Literatur „die Kamera draufhalten“, wo das Fernsehen schon ausblenden würde?
Fatah: Ich glaube, sie darf es, weil sie eben keine Kamera benutzt, sondern in Sprache arbeitet. Mir ist es wichtig, auf gleicher Höhe mit den Ereignissen zu schreiben. Dazu gehört eben auch, dass diese Bombenanschläge, die wir fast im Tagesrhythmus gemeldet bekommen, auch ein Nachleben haben. Es gibt das, was übrigbleibt von dem, was in die Luft geflogen ist. Wenn man das ausblendet, wird sprachlich genau das hergestellt, was die Nachrichten herstellen: eine Abfolge von Explosions- oder Rauchbildern, die nichts von dem vermitteln, was wirklich passiert.
Sie vermeiden es, die Gotteskrieger bloß als bärtige, zurückgebliebene Deppen vorzuführen, sondern zeigen Menschen mit einem Anliegen.
Fatah: Natürlich wäre es leicht gewesen, die als Idioten darzustellen, Extremisten, Fanatiker, die keine Ahnung von nichts haben und die für die falsche Sache kämpfen. Aber so leicht ist es nicht.
Was sind die Ursachen dieser Form von Extremismus im Irak?
Fatah: Die Leute schließen sich den Gotteskriegern oft deshalb an, weil sie von ihnen Perspektiven geboten bekommen. Und zwar nicht nur ideologische Versprechungen, sondern Geldzuwendungen. Es gibt viele Kriegswaisen im Irak, für die Geistliche aufkommen, die im Umfeld des religiös-fundamentalistischen Islam zu suchen sind. Die unterhalten Koranschulen. Wenn die Kinder sehr früh dort hinkommen, kann man viel erreichen und Loyalitäten schaffen. Schon in den 90er Jahren rekrutierten sich die ersten islamistischen Strömungen, aber das war noch nicht im Fokus der Weltöffentlichkeit. Später ist es radikaler geworden. Dadurch, dass sie angegriffen und verfolgt wurden von Spezialeinheiten der Amerikaner und auch von den kurdischen Milizen, haben sie sich allmählich brutalisiert. Und natürlich gibt es eine Unterstützung aus dem Ausland, aus dem Iran vor allem, und auch einen regen Austausch von Kämpfern, die aus Afghanistan zurückkommen.
Ihr Roman zeigt auch, wie heterogen die kurdische Gesellschaft ist. In den Nachrichten bekommt man dagegen den Eindruck, die Kurden seien eine relativ geschlossene Gruppe. Ist Literatur das geeignetere Instrument, um die Vielfalt der Welt wahrzunehmen?
Fatah: Dieses kleine Gebiet ist eine Vielvölkerkultur, auch multireligiös. Es gibt die Jesiden, von denen ab und an in den Nachrichten berichtet wird, weil sie so eine Geheimreligion sind. Es gibt Turkmenen, Schiiten, Chaldäer. Es gibt lauter religiöse Gruppen, die erst einmal nicht in das Schema „Kurden“ passen. Dennoch sind sie ihrer Herkunft nach oftmals Kurden. Aber es gibt natürlich auch Araber dort oben. Und dann gibt es die ganzen politischen Unterschiede. Es gab eine kommunistische Partei, es gab unter den Guerilla-Bewegungen in den 80er Jahren auch Maoisten. Der ganze politische Ideenzirkus, der aus dem Westen kam, hat sich auch dort ausgebreitet. Das war eine Zeit eher säkularer Interessen, eine aufs Politische gerichtete Epoche. Inzwischen drängt sich der Islamismus in den Vordergrund, was gar nicht typisch war für die Gegend, sondern ein neues Phänomen ist.
Auffallend ist, dass Sie immer wieder Tiere in eindrücklichen Szenen schildern. Wofür stehen die Tiere? Für das Kreatürliche? Den Tod?
Fatah: Die Tiere spielen im Lebensvollzug und im Alltag der Menschen eine große Rolle. Man sieht sie überall: Esel, Schafherden. Und es gibt das Fest, an dem sie geschlachtet werden. Das vollzieht sich alles in ziemlicher Nähe zum Alltagsleben. Es ist eine Welt, in der die Bereiche Ernährung und Schlachtung nicht so getrennt sind wie hier. Darüber hinaus sind Tiere für mich auch mythische besetzt. Eine andere Dimension ist, dass vieles, was mit Menschen getan wird, zuvor an Tieren ausprobiert oder vorbereitet wird. Das habe ich verstärkt, als Linie, als Motiv.
Zum Beispiel?
Fatah: Zum Beispiel, dass diese toten Hunde präpariert werden, die man erschießt, um sie mit Sprengstoff zu füllen. Am gleichen Ort, wo Tiere zum Verzehr präpariert werden, werden auch diese Hunde präpariert. Wenn man Tiere sowieso zerschneidet und fürs Kochen vorbereitet, warum sollte man dann die anderen, die man als Waffe im Krieg benutzt, nicht auch dort zerschneiden und vorbereiten? Das erscheint von außen unglaublich grausam, aber es ist vor Ort nur ein gradueller Unterschied. Von den Kriegshandlungen und Anschlägen bleiben nun mal Leichen übrig, und die Hunde sind die Ersten, die sich daran bedienen. Die amerikanischen Soldaten sind schockiert, wenn an ihnen ein Hund vorbeiläuft, der einen menschlichen Arm im Maul trägt. Aber das passiert nun mal, in der Folge der Sprengstoffanschläge. Es ist für mich ein Sinnbild von Chaos und Verkehrung der Ordnung. Wenn die Tiere die Menschen fressen, ist diese Ordnung untergegangen.
Kerim gelingt schließlich die Flucht, zurück in sein Elternhaus und von dort aus weiter nach Berlin. Was lockt ihn gerade dorthin?
Fatah: Eine Pointe der Geschichte liegt darin, dass er die Religion und den Glauben eigentlich erst in Berlin entdeckt – nicht im Elternhaus, nicht einmal bei den Gotteskriegern. Das hat mich interessiert: Das Gefühl des Rückrufes der Religion. Man vermisst seine Religion oder seine Zugehörigkeit zu einem Kulturkreis nicht, wenn man vor Ort ist. Man vermisst sie erst in der Fremde. Die Fremdheit macht religiöse Erfahrung intensiver, verbindet sie mit einem Heimwehgefühl. Dadurch wird auch die Attraktivität radikaler Thesen größer – bei einigen wenigen.
Sind Sie Moslem?
Fatah: Ja. Da das väterlich vererbt wird, bin ich Moslem. Aber ich bin nicht gläubig. Ich bin in der DDR mit einem ziemlich atheistischen Weltbild aufgewachsen. Das hat sich gehalten
Für viele jüngere Autoren ist ihre DDR-Kindheit ein ergiebiges literarisches Thema. Spielt das für Sie überhaupt keine Rolle?
Fatah: Bislang noch nicht. Es war natürlich sehr interessant, wie schnell ganze Ideenwelten aus dem Bewusstsein verschwinden, die wichtig für uns waren. Wie schnell Dinge, die uns beigebracht wurden, bedeutungslos wurden. Ob ich daraus je einen Roman mache, vermag ich aber nicht zu sagen.
In Ihrem ersten Roman „Im Grenzland“ gibt es das „rote Haus“ des Geheimdienstes. Da konnte man durchaus an die Stasi-Zentrale in der DDR denken.
Fatah: Es war viel Equipment aus der DDR im Irak. Man traf die Lastwagen wieder, die Rüstungsgüter, sogar die Häuser ähnelten DDR-Bauten. Später wurde klar, dass die Stasi in den 70er Jahren die Bürokratie im Irak mit aufgebaut hat. Ich habe verrückterweise in Bagdad wiedergefunden, was ich aus der Kindheit in Ost-Berlin kannte. Heute nennt man das Globalisierung.
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