Auszeichnungen: 2000 Hermann-Lenz-Stipendium
2002 Robert-Musil-Stipendium
2010 Förderungspreis der Stadt Wien
Veröffentlichung: »Der gefälschte Himmel«, Roman, 1998
Richard Obermayr
Worüber ich schreibe
Eines späten Nachmittags im August – ich war für ein paar Wochen nach Novi Sad gereist – stand ich auf dem kleinen Balkon meiner Wohnung und blickte auf den Platz in der Mitte der Wohnsiedlung. Wie stellt man es an, fragte ich mich, dass sich hier eine ganz andere Geschichte zuträgt als die, die man einem Platz wie diesem zutrauen würde? Denn ich ahnte, diese öde Gegend war nicht der Schauplatz für eine Geschichte, zumindest nicht für eine von Format. (...)
Ich stellte mir vor, statt der beiden Jungen vor dem Supermarkt sitzt ein Mann auf einer Bank, isst Weintrauben, als eine junge Frau in großer Eile über den Platz läuft und etwas fallen lässt. Kurz darauf sehe ich den Mann aufstehen und sich danach bücken. Ein Halstuch in seiner ausgestreckten Hand haltend, eilt er der Frau hinterher, die einen Bus besteigt. Ich wende meinen Blick ab, denn ich weiß sogleich, wohin das führt. Um das Halstuch selbst geht es in dieser Geschichte schon bald nicht mehr. Die Mühen, die der Mann auf sich nehmen wird, um der Frau ihr Halstuch wiederzugeben, verwandeln dieses in einen Gegenstand von immer größerer Bedeutung. Er kann nicht mehr von seiner Verfolgung ablassen, zu lange ist er schon unterwegs, hat seine eigenen Pläne für den Tag aufgegeben.
Was, wenn tatsächlich nichts verloren geht und eine Vergangenheit, von der wir nichts ahnen, alles aufbewahrt? Ich stelle mir vor, ich selbst sei dort unten und würde alles das, was andere, um mit der Gegenwart Schritt zu halten, am Rand liegen lassen mussten, aufsammeln und bewahren, um es ihnen eines Tages wieder zurückzuerstatten.
Wenn man mich fragte – Ich möchte zu gerne die eine Frage gestellt bekommen, auf die ich nur eine Antwort weiss–, worüber ich schreibe, ich würde antworten: Ich bin der, der zurückbleibt, wenn die Geschichte ihre Koffer gepackt und weitergereist ist. Mögen die anderen versuchen, mit der Gegenwart Schritt zu halten. Ich lasse mich zurückfallen. Ich brauche keinen neuen Tag, ich wundere mich noch genug über den heutigen. Über die Katzen mit den verklebten Augen wundere ich mich. Über den geringen Preis der Melonen und darüber, womit wohl diese Mehlspeise gefüllt ist, Nuss ist das nicht, auch nicht Mohn oder Mandel. Dieses Rätsel muss ich noch lösen.
Ob man mich diesen Tag wieder erleben lässt, am besten gleich morgen noch einmal? Den Wind lässt man mir, der weht, tut sich leicht damit, hat gestern schon geweht, und keiner würde es merken, wenn er so weht, wie er schon einmal geweht hat. Und solange es den beiden Kindern dort drüben bei den Teppichstangen gelingt, den Federball in der Luft zu halten, solange sie es schaffen, denke ich, während ich dem Federball zuschaue, wie er durch die Luft saust, hin und her, hin und her, vergeht auch dieser Tag nicht, bleibt er ein in seiner trägen Pracht dahinsiechender Augusttag. Als habe man vergessen, einem Toten die Lider zuzudrücken, schaut ihnen jemand immer noch zu ...